Zwischen Australien und Südamerika

Matrosenperspektive auf einem Familienschiff

Ein Rückblick für Sie, liebe Frau Voß und Ihre verehrte Familie in jene stolze Vergangenheit, in welcher der der Leichtmatrose Ernst Voß und der Matrose Aeckerle in guter Kameradschaft mit der gesamten Besatzung der „Nordsee“ unter vorbildlicher Führung die vorstehenden Rekordreisen von Australien nach Chile erlebte, 

Hamburg, den 21. April 1966 von Ihrem Ernst Aeckerle

Schiffssuche und die Anreise auf dem Vollschiff "Nordsee"

Verschwunden sind die tiefliegenden Kellerkneipen mit ihrem ständigen Grogduft, den Schiffsmodellen, den von der Decke hängenden, mottenbenagten ausgestopften Vögeln der Südseeinseln, den Albatrosköpfen, Muscheln, Seesternen und vielerlei Gegenständen eines Kleinmuseums der Völkerkunde. Verschwunden ist der internationale Treffpunkt der Kapitäne, die angesehene Gaststätte und Hotel „Old Comercial Room“, an der Ecke von den Vorsetzen und Stubbenhuk.

Wie manche der Heuerbaase, waren Möller & Ohlsen altgewordene Kapitäne und Reedereibeauftragte für die Anwerbung der Mannschaft für Ihre Schiffe. Es gab Heuerbaasen, die zugleich Schlafbaase waren. Es war naheliegend, daß deren Logiergäste bevorzugte Chancen auf gutbeleumundete Schiffe hatten. Zumal, wenn ihre Zahlungsfähigkeit erschöpft war.Neben der einen Kategorie, die für Flüssigmachung der Heuer ihrer Schlafgäste im eigenen Lokal sorgte – gab es eine andere – die fürsorgend zur Anlage eines Sparkontos anriet. Das Vertrauen ihrer jungen Gäste zu ihnen ging oft so weit, daß sie den Schlafbaasen ihre Sparbücher zur Aufbewahrung hinterließen. Mancher Fahrensmann verdankte ihm hierdurch seine ersparten Geldmittel zum Besuch der Seefahrtsschule.

Möller & Ohlsen durchblätterte auch nicht auf der Suche nach Geldscheinen die Musterbücher, bevor sie eine Stellung vergaben. Von derartigen Methoden wurde an der Back vielfach geredet.Bei diesen alten Herren war ich also aufgekreuzt und für das Hamburger Vollschiff „Nordsee“ angenommen. Die „Nordsee“ gehörte der Firma F. L. Sloman & Co., die getrennt von der bekannten Hamburger Reederei Robert M. Sloman jr. einige Jahre einen Liniendienst mit Segelschiffen von Tönningen nach Australien betrieb.

 
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß

In diesem nördlichen Hafen an der Westküste von Schleswig-Holstein lag also mein neues Schiff und die Reise nach dort hat vermutlich zu dem guten Verhältnis beigetragen, das unsere Crew während einer langen Bordzeit kameradschaftlich zusammenhielt. Bepackt mit unserem Zeugsäcken und Seekisten trafen wir auf dem Altonaer Bahnhof mit unseren Heuerbaasen zusammen. Sechs Matrosen waren wir, die dem Schiff noch fehlten. Das Gepäck wurde aufgegeben, die Heuerbaase händigte uns die Fahrkarten aus und erklärte uns, ohne umzusteigen nach Tönningen durchzufahren. Dann wünschten sie uns eine gute Reise nach Australien und atmeten vermutlich erleichtert auf, als der Zug mit uns aus dem Bahnhof rollte. Für diese berufserfahrenen Männer war es oft ein Kunststück, eine Mannschaft geschlossen zu verschicken. Widerspenstige Jantjes, noch verträumt vom freien Landleben, sprangen nicht selten aus der Herde.

Nun saßen wir Schicksalsgenossen in einem Abteil III. Klasse eines polterden Personenzugs und hingen unseren Abschiedsgedanken nach. Bis Pinneberg sprachen wir kaum miteinander. Dann war Hamburg überwunden. Nur eine halbe Stunde lag hinter uns. Krischan Reverey, ein waschechter Mottenburger, Sohn eines Gastwirts, hatte den väterlichen Segen in geistiger Form von mehreren Cognacflaschen mit auf die Reise bekommen. In Pinneberg knallte der erste Korken und zugleich der Trübsinn unserer Seelen. Mit einer Ausnahme, waren wir uns fremd. Nur ich traf mit einem Kameraden von meinem letzten Schiff, der „Pitlochry“ erneut zusammen. Auf dieser Laeisz’schen Viermastbark machten wir die Reise mit, als sie an Kap Hoorn entmastet wurde. Später gehörten wir zu den 13 Typhuskranken, die in unserem Nothafen Montevideo abgemustert und heimbefördert wurden. Das Beisammensein dauerte kaum 24 Stunden. Die Sehnsucht nach Hamburger Luft trieb ihn urplötzlich zurück.

Sinnig zuckelte unser Bummelzug von Station zu Station durch Schleswig-Holsteins grüne Auen. Husum lag hinter uns. Der Schaffner rief – Bredstedt – aus. So nebenbei fragten wir ihn, wann wir in Tönning ankommen würden. „Dann hätten Sie in Husum umsteigen müssen!“ rief er uns zu, während der Zug anfuhr. Mit Elan sprangen wir aus dem Abteil und landetet auf einem einsamen Bahnsteig auf der Reise nach Australien. Unsere Heuerbaase hörten die Verwünschungen nicht, die ihnen wegen der falschen Kursangabe zugedacht wurden.

Der nächste Gegenzug nach Husum war erst Stunden später fällig. Glück muß Janmaat haben. Wir hatten es. Die Bahnhofsgaststätte hatte einen bescheidenen Tanzsaal. Die beschwingende Wirtstochter, die wir bei dem Reinschiffmachen des Saales überraschten, war allzu gern bereit, den Besen in die Ecke zu stellen und diese profane Arbeit in die beschwingtere von der Muse Terpsichere’s zu verwandeln und nach den lautstarken Klängen eines Orchestrion die Wartezeit mit uns zu durchtanzen.

In allerbester Stimmung verließen wir die erste Etappe unserer Weltreise. Als der Zug uns in Husum absetzte, waren wir ein festgefügte Gemeinschaft. Auch hier fehlte der Anschluß nach Tönning und erst am Abend war die Weiterfahrt möglich. So hatte wir die beste Gelegenheit, die gastronomischen Verhältnisse dieser gemütlichen Kleinstadt auszukundschaften. Dieser Forschungsaufgabe wurde gründlich nachgegangen. Von Kneip zu Kneipe ging unser Streben. Unserem spendablen Kreis hatten sich zwei Handswerkburschen mit Knotenstock und Felleisen, echte Monarchen der Landstraßen angeschlossen. Solch eine Gelegenheit zu billigen Alkoholquantitäten zu kommen, hatten sie sicher noch nicht erlebt. Als getreue Gefolgsleute begleiteten sie uns zum Bahnhof und nahmen tiefberührt Abschied von ihren Wohltätern.

Das Nachspiel zu unserer erfolgreichen Entdeckungsreise erfolgte prompt. Mein alter Kamerad von der „Pitlochry“ wurde seedoll. Seine Lademarke war überschritten. Entsetzt und entrüstet sprang ein Herr aus seiner Abteilecke auf, als er von dem Segen fast überschüttet wurde. Diesen verständlichen Zorn verbarg er, ohne ein Wort darüber zu verlieren. In Anbetracht der fidelen und stämmigen Burschen hielt er es wohl auch ratsam, sich nicht in eine offene Gegnerschaft zu ihnen zu setzen.

Am Spätabend landeten wir auf der „Nordsee“.

Eine harte Arbeit war es für den Steuermann am nächsten Morgen, seine neuen Leute aus ihrem todesähnlichen Schlaf zu wecken. Unbarmherzig holte er sie aus den Kojen zur profanen Wirklichkeit des Daseins eines Janmaaten an Bord eines Windjammers zurück. Vorbei waren die Tage der ungebundenen Freiheit. Bei der Anmusterung am gleichen Tage auf dem Bürgermeisteramt verlangten wir von dem Kapitän die Erstattung unserer Rückfahrtkosten von Bredstedt nach Husum. Unseres Erachtens waren diese durch das Verschulden der Heuerbaase entstanden.

Diese Rechnung hatten wir aber ohne den Herrn Bürgermeister gemacht. Hielt der uns eine Moralpredigt über unser Verhalten in der Eisenbahn am Vorabend. Vor uns hatten wir den Unglücksraben, der von unserem Seekraken fast weggeschwemmt wurde. Diesen Übertäter konnte sein Zorn allerdings nicht erreichen. Der rollte bereits seit Stunden nach Hamburg zurück. Wir Kumpane aber mußten fast annehmen, anstatt nach Australien zu fahren, in Tönninger Kittchen unser Dasein zu beendigen. Da ich keine Veranlassung gegeben hatte, dieses drohende Schicksal auf mich zu nehmen, erklärte ich dem hohen Herren, daß ich mindestens ebenso nüchtern gewesen sei, wie er, der Bürgermeister. Diese Äußerung genügte, um kurzerhand die geforderte Unkostenerstattung abzulehnen. Getrauert haben wir über diesen Verlust nicht.

Wie üblich vor jeder Ausreise wurde das Schiff seeklar gemacht. Ein Teil der Mannschaft war bereits Wochenlang an Bord. Größere Segler waren seltene Gäste im Tönninger Hafen. So fanden die Leichtmatrosen und Schiffsjungen als hoffnungsvolle Kapitänsanwärter besondere Gnade bei den jungen bürgerlichen Evastöchtern des Landes. Mancher Brief folgte, oder vielmehr verfolgte die durch ewige Treue Verbundenen. Als diese dann seltener wurden und die verschiedenen Mädchennamen der Allgemeinheit preisgegeben wurden, erkannte man die Lösung eines hehren Gelöbnisses.

Mannschaft der "Nordsee"
Mannschaft der Nordsee

Unser Kapitän, das Urbild eines Segelschiffskapitäns, war ca. 35 Jahre alt. Seine Frau, welche die Reise mitmachen wollte, war 23 Jahre alt und dazu Erna, das Nestkücken, 9 Monate alt.Wir hatten also eine richtige Familie an Bord. Ein solches Idyll hatten wir Leute vor dem Mast alle noch nicht erlebt. Natürlich wurde im Logis geunkt: „Frauen an Bord bringen Unglück. Wenn das man gut geht?!“. Gefreut haben wir uns trotzdem, daß zwei weibliche Wesen an Bord waren. Bereuen brauchten wir es ebenfalls nicht. Es ging nämlich gut, sehr gut sogar.

Vom Mißgeschick blieb unser Schiff bis zu unserer Abmusterung verschont. Ich war dem I. Offizier Brüning zugeteilt, der die B.B. Wache befehligte. Die St.B. Wache führte der II. Offizier Paul Steindorff aus Elsfleth. Im Jahre 1942 traf ich den einstmals Schlanken als wohlbeleibten Kapitän eines Erzdampfers der Firma Krupp erstmalig wieder. Heute, nach mehr als 60 Jahren, stehen wir Altgewordenen in laufender, freundschaftlicher Verbindung. Der 23 jährige „Zweite“ genoß das uneingeschränkte Vertrauen des Kapitäns. Mit diesem hatte er bereits eine Reise auf SS „Charlotte“ gemacht. Weitere Vorgesetzte hatten wir nicht. An Ausländern waren zwei Schweden und ein Däne an Bord.

Das ein Familienschiff seine Tücken haben kann, mußte Tedje Prollius, ein fröhlicher Berliner, in seiner unverdorbenen Leichtgläubigkeit erfahren. An einem sonnigen Nachmittag kam der II te in unser Logis und gab dem guten Tedje den ehrenvollen Auftrag, Erna in ihrem Kinderwagen in den Tönninger Grünanlage spazieren zu fahren. Ein Jantje als Kindermädchen, diese teuflische Zumutung war dem gutmütigen Seemann doch zu viel. Besonders erbost war er aber über unser wenig kameradschaftliches Gelächter, das er über sich ergehen lassen mußte. Sein anfängliches Zögern war spontan verflogen. Er rebellierte. Trotz Androhung aller gesetzlichen Strafen wegen Meuterei, dieser Todsünde, blieb er hart bei seiner Ablehnung. Erst als der Urheber lachend abzog, erkannte er, daß er das Opfer eines abgekarteten Spaßes geworden war. Ein Kinderwagen war außerdem nicht an Bord. Später auf See, da hatte Erna das ganze Vorschiffvolk jederzeit als freiwillige Kindermädchen zur Verfügung. So ändern sich die Ansichten von harten Männern.

Die "Nordsee" erreichte Australien

Vollbepackt mit einer Ladung Stückgut, verließen wir am 3. Juli 1906 den geruhsamen Tönninger Hafen. Bereits am 5. Juli hatte uns eine frische Brise vor dem Wind an Dover vorbei geschoben. In weiteren vier Tagen kreuzten wir dann durch den Kanal. Am 4. August passierten wir die Linie und am 27. August waren wir querab vom Kap der guten Hoffnung. Bereits während Flautentage, im Kalmengebiet und in den Passaten hatten wir erkannt, ein schnelles Schiff unter den Füßen zu haben. Hier unten nun, fand es die ihm zustehende Rennbahn. Jetzt legte es los. Prall standen die Segel vom stürmischen Westwind gefüllt brauste es unentwegt ostwärts.Am 25. September, nach einer annehmbaren Reise von 82 Tagen machten wir in Geelong, unserem ersten Löschhafen fest. Dieser kleine Ort, in der Nähe von Melbourne, wurde nur selten von Großseglern angelaufen.

Es war ein schöner Sonntagnachmittag, als wir unser Schiff am Kai vertäuten. Hunderte von Einwohnern ließen sich nicht die Abwechslung von dem gewohnten Alltagsbild entgehen, um den Fremdling in ihrem Hafen zu sehen. Kaum war der Steg an Land gelegt, war das Deck von einheimischen Besuchern überflutet. Wie konnte man es einer Schar von jungen, hübschen Mädchen es ablehnen, den Abend mit ihnen tanzend in der – British Sailors Mission – zu verleben? Wir landentfemdete Jantjes konnten es nicht! So wechselt das Seemannsleben in wenigen Stunden. Gestern noch in Seestiefeln und Ölzeug mit harten Flüchen und Verwünschungen auf der Zunge, heute bei fröhlichem Tanz und gesitteter Unterhaltung. Ausgezeichnet verstand man es in den englischen Seemannsmissionen den Fahrensleuten angenehme Stunden an Land zu bereiten. Zumal hier in Australien.

In Geelong war es besonders Hervorstechend.

Angesehene Bewohner der Stadt fanden sich allabendlich in der Mission ein. Freigiebig wurde Tee und Gebäck verausgabt und mit Musik, Tanz und Gesellschaftsspielen wurde die Stunden lustig verbracht. Kaum verwunderlich, daß wir diese, für uns neue Welt noch nicht voll verstanden. So glaubten wir, eine blitzschnelle Eroberung gemacht zu haben, als wir uns gegenseitig entschuldigten, wegen einer liebenswürdigen Einladung auf den gemeinsamen Heimweg zu verzichten.

Recht lange Gesichter machten wir dann zu Dreien als wir nach dem Abschluß des heiteren Abend wartend vor der Mission standen und erkennen mußten, daß uns der gleiche Stern aufgegangen war. Aber was half es. Mit diesem Gefolge mußten wir unsere Kavalierspflicht erfüllen und unser vermeintliches Glück nach Hause begleiten. Vor der Haustür erfuhren wir, daß wir nur den Weg zu ihrer Wohnung kennenlernen sollten. Nach ihrem weisen Beschluß sollte dieser Weg uns allabendlich in ihr Elternhaus führen. Zu Baptisten sollten wir umgeformt werden. Auf unser Seelenheil hatte sie es also abgesehen, – das mußte uns noch passieren. Geradezu eine teuflische List war es aber, deren Lockung wir nicht wiederstehen konnten. – Wurst – real german sausage war es, die uns weich machte. Dies sollte am kommenden Abend unser Festessen sein, wie sie sagte.

Obgleich unser Seelenhunger noch in den letzten Zuckungen lag, wurden wir mit dieser kulinarischen Aussicht halbwegs bezwungen. Der Vater unseres Schutzgeistes war in seiner Jugend wegen einer Straftat von England nach Australien deportiert worden. Dieser frühere, nur spärlich besiedelte Kontinent, war die Strafkolonie von Großbritannien. Nun war der einstige Sträfling ein hochbetagter Mann, Inhaber einer Wurstfabrik, wohlhabend und gottgefällig. Seine Tochter trug redlich dazu bei, die Jugendsünden des Familienoberhaupts abzuzahlen.So hatte sie dieses Mal einen reichen Fischzug im Tümpel der Tugendlosen getan. Nun zappelten wir in ihrem Netz. Richard Vorkamp, Karl Koch und ich. Mit einem frohen – good by -, der Ermahnung, stets – good boys – zu sein und dem Versprechen ihrer Einladung zu folgen, wurden wir dann entlassen. Mit allem wären wir einverstanden gewesen, um uns aus dieser blamablen Situation zu bergen. Wie begossene Pudel zogen wir bordwärts.

Da wir zu Dreien auf falschem Kurs gelegen hatten, brauchten wir gegenseitig kein Hehl aus unseren Enttäuschungen machen. Jedenfalls waren wir uns einig, unser Besuchsversprechen rücksichtslos über Bord zu werfen. Wir Ahnungslosen wußten allerdings nicht, welche Macht ein australisches girl mit der Wurst in der Hand und der Bibel im Rücken auszuüben vermag. Nach dieser Fehlspekulation bedauerte ich, eine andere Einladung abgelehnt zu haben, die ebenso aufmunternd an mich ergangen war.

Eine ältere Dame, Mutter von zwei Töchtern und zwei Söhnen hatte mich anscheinend auf Anhieb in ihr Herz geschlossen. Mrs. Edye war die Witwe eines Holzhändlers, der ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen hatte. Der älteste Sohn studierte z.Z. in England. Dann kam Cassy, die 18 jährige Tochter. Nach Mutter Edye’s weiser Fürsorge mein vorgesehenes Schicksal. Eine 15 jährige Tochter und ein 14 jähriger Sohn rundete die Familie ab. In diesem Kreis sollte nun ein Loch geöffnet werden, in das ich schlüpfen sollte. Als Partnerin in einem Gesellschaftsspiel hatte sich Mrs. Edye zu mir gesetzt. Auch sie erteilte mir den guten Rat, ein – good boy – zu sein mit der Aufforderung, sie und ihreTöchter nach Hause zu begleiten.

In Anbetracht meiner bereits anderweitigen Verpflichtung lehnte ich diesen ehrenhaften Begleitdienst ab. Mein Versprechen aber abgeben, dafür am kommenden Abend zum – supper – zu erscheinen und einen musikalischen Kameraden als weiteren Gast mitzubringen. Nun waren also zwei Versprechen am Montagabend einzulösen. Die Geschichte konnte ja noch gut werden. – To promise – war der Ausdruck der Verpflichtung zur Innehaltung meiner Zusage. Ein rasanter Start waren jedenfalls für mich die ersten Stunden meines Aufenthalts im fünften Erdteil. Meinetwegen, auch zu dieser Familie würde ich nicht hingehen. – und ich tat es doch. Recht oft sogar. Trieb mich nicht meine eigene Willenskraft, dann war es mein Freund Tedje, dessen Sehnsucht uns in das gastfreundliche Edye-Heim führte. Den sangesfrohen Tedje hatte ich als Teilhaber an den abendlichen Kunst und Futterfesten ausersehen. Dafür hatte er sofort Verständnis und rebellierte nicht, wie dereinst gegen die Kinderwagenfahrt in Tönning. Trotz meiner eingebildeten Konsequenz, entwickelte sich, wie auch bei meiner Wurstmiss, alles ganz einfach.

Am nächsten Tag saßen wir in Reih und Glied am Kairand und klopften den angesammelten Rost von der Außenhaut unserer braven – Nordsee -. Lustig und dreckig hämmerten und schrapten wir und freuten uns auf den Feierabend. Mit Geld versorgt, sollten die Freunden Australiens erschlossen werden.

Ja, so wäre es gekommen, wenn nicht die Familie Edye zu vieren aufgekreuzt wären. Alles guckte natürlich zu der Gesellschaft hin, nur ich nicht. Meine Kameraden riefen mich an. Ich reagierte nicht. Mein schmutziges Arbeitszeug war mir vermutlich zur Begrüßung von Damen nicht geeignet. Zudem rechnete ich wohl auch mit der etwaigen Anöderei meiner Backsgefährten. Auf der anderen Straßenseite hatte die Familie halt gemacht. Offensichtlich erwartete man meine Begrüßung. Als diese, in der Kulturwelt übliche Gepflogenheit von meiner Matrosenseele ignoriert wurde, schickte man einen Botschafter herüber. Es war der Jüngste der Familie, mit dem ich noch keine Bekanntschaft gemacht hatte. So suchte er fragend nach einem – Ernst -. Da die Damen mich in meinem jetzigen Aufzug und Rostbrillenschutz aus der Ferne nicht erkennen konnten, fehlten ihrem Boten auch hinweisende Direktiven. Nun irrte er suchend zwischen uns herum. Ernst Voß, mein Kamerad und Freund in vielen späteren Jahren, lehnet es entschieden ab, der gesuchte – Ernst – zu sein.

Erfolglos kehrte der Junge zu seinen Angehörigen zurück.

Meine Vogel Strauß Politik half mir aber nicht. Jetzt kamen die Damen selbst zu uns herüber. Ihre vereinten Augen angelten mich schnell aus der Männerschar. Wohl oder Übel mußte ich gute Miene zu diesem listigen Spiel der Frauen machen und ihren Wunsch erfüllen, das Schiff zu besichtigen. Die Kapitänsfamilie war abwesend und lachend gab mich der II. Offizier hierfür frei. Mein Bemühen, nach dem Rundgang über die Kajüte, Kombüse und Deck unser Logis zu übergehen, mißlang schmählich. Mir war rechtzeitig der, für Frauenbegriffe kritische Zustand unseres Junggesellenheims bewußt geworden. Doch gerade darauf hatte man es abgesehen. Nun erkannte ich auch den Zweck eines Blumenstraußen in Cassy’s zarten Händen. Feierlich wurden die Familienbilder in der Koje umkränzt, nachdem das Bettzeug sorgfältig geordnet war. Eine solche, nahezu sakrale Behandlung hatte die gute alte Koje seit der ersten Beherbung eines müden Janmaaten sicher nicht erfahren. Dann verabschiedeten sich die Besucher. Nochmals mußte ich – promisen -, am Abend zu kommen.

Der Viererbund wandelte zurück in eine komfortable Wohnstätte und ich zu meinem Rosthammer und Schraper. Ein Entrinnen gab es nicht mehr. Bereits eine Stunde vor Feierabend stand der Junge vor dem Schiff. Jetzt kannte er mich ja und so lotste er Freund Tedje und mich in den sicheren mütterlichen Hafen. Es war eine gute Ankerstelle, die wir dort vorfanden. Cassy behämmerte das Klavier. Tedje sang deutsche Wehmuts- und Trutzlieder, die niemand verstand und dennoch dem Solisten wohlgefälligen Beifall einbrachte. Kleinlaut mußte ich hier zur Seite stehen. Eine musikalische Mitwirkung hätte die Harmonie des Abend keineswegs gehoben. So entwickelte sich im Laufe der Tage ein amüsantes Verhältnis. Trotz meiner gesanglichen Minderwertigkeit hatte Mutter Edye mich für ihre Älteste auserkoren und machte kein Hehl daraus.

Mit meinen blutjungen achtzehn Lebensjahren hielt ich eine derartige überraschende Bindung immerhin als etwas verfrüht. Außerdem war milde ausgedrückt, die überschlanke Cassy nicht mein Ideal für lange gemeinsame Lebensreise. Abgesehen von dem erfreulichen Umgang mit diesen liebenswürdigen Menschen muß ich zu meiner Schande gestehen, daß das lukullische Abendessen mich erheblich magnetisierte. Tedje aber, wenngleich diesen Genüssen ebenso verfallen, wie ich, hatte neben dieser banalen Schwäche, sich bis über die Ohren in Cassy verliebt. Und diese wieder in Tedje. Amor’s Pfeil traf vermutlich auf gleichmäßige künstlerische Herzen.

So rollten die Tage dahin. Unsere Teilladung für Geelong war gelöscht, nun hieß es von diesen neugewonnenen Freundeskreis Abschied zu nehmen. Unser letztes Festessen lag hinter uns. Verklungen war Tedjes Abgesang vom „Hirsch, den er im wilden Tale schlug“. Mutter Edye beschwor mich, zu desertieren, Cassy zu heiraten und Australier zu werden. Einen Job habe sie schon für mich. Tiefbedrückt wanderten Cassy mit Tedje einige Schritte vor Mrs. Edye und mir zum Schiff. Tedje packte das heulende Elend. Er, der gern bleiben wollte, war der Mutter nicht genehm und Cassy weinte um ihren entschwindenden Auserkorenen. Mutter Edye flehte mich an, Kehrt zu machen und trotz des dreifachen Kummers, meiner Weggenossen, konnte ich in meiner Verdorbenheit eine innere Heiterkeit über diesen seltsamen Viererzug durch Geelong’s stillen Straßen nur schwer verbergen.

Am Gangway unseres Schiffes schieden wir voneinander. Heute wundere ich mich über meine damalige Standfestigkeit gegenüber diesen Verlockungen in Verbindung mit dem mütterlichen Bemühen ihre Tochter so eilfertig einem Fremdling anzuvertrauen. Ein paar Briefe folgten mir später. Tedje wurde reichlicher bedacht. Dazu mit many kisses, wie er mir verriet. Diesen brieflichen Vertraulichkeiten waren m.E. keine realistischen voraus gegangen. Dann blieben auch diese papierenen Gunstbeweise aus.

Zweigleisig verliefen meine Tage in dem kleinen Hafenstädtchen.

Hatte man es im Hause Edye auf eine lebenslängliche Bindung angesehen, so hatte es meine vermeintliche Ersteroberung mit der gleichen Ausdauer versucht, mein Seelenheil zu retten. Unsere Gemeinschaftsgirl vom Ankunftsabend hatte auch ihren Willen. Sie mobilisierte den freundlichen Seemannspastor. Unterstützt von dessen Bitte erneuerte sie ihre Einladung. So kam es, daß wir drei mannhaften Jantjes uns selber untreu wurden. Eines abends schipperten wir los. Kleinlaut warteten wir der Dinge, die nach der weisen Überlegung unserer Schutzpatronin geplant waren. Da ein besänftigter Magen weniger aufsässig ist als ein leerer, wurden wir vorbeugend mit Wurst gefügig gemacht. „German sausage“, so betonte nun auch ihr ehrwürdiger Vater, sollte von uns Deutschen geschmacksmäßig begutachtet werden.

Überzeugungsvoll bestätigten wir die Echtheit der Übereinstimmung mit unseren heimatlichen schweineren Produkten. Welch Wunder, an solch kulinarischen Genüsse waren unsere Gaumen seit Monaten nicht mehr gewöhnt. Butter, Wurst, Käse u.s.w. waren bekanntlich zu den Zeiten absurde Wunschträume für die Leute vor dem Mast. Sofern man nicht in einer Glücksstunde die Gelegenheit hatte, von diesem Dinge etwas zu – besorgen -, wurde erst der Steuermannsmagen für standfest genug befunden, diese zu verdauen. Doch hier hatte sich auch der Jantjemagen schnell bereit gefunden, delikateres Futter als Hartbrot und Margarine Marke „Feuerschiff III“ der Firma Kienast, bzw. Specht’schen Mannschaftskaffee aufzunehmen. Nach dieser, für uns vordringliche Aufgabe folgte nun die zweckgebundene unserer Gastgeberin. Unsere Seelenrettung wurde in Angriff genommen. Ein englisches Gesangbuch wurde uns in die Hand gedrückt und geduldig mußten wir, von der Hausorgel begleitet, gottgefällige Choräle singen. Zum -abschied erfolgten christliche Ermahnungen, als – good boys – nicht dem Laster zu verfallen. Beladen mit einem Riesenwurstpaket und einem Bündel Traktaten wurden wir dem sündigen Bordleben zurück gegeben. Zusätzlich mußten wir aber das Versprechen abgeben, allabendlich in gleicher Art zur Andachtsstunde zu erscheinen. – To promise – war inzwischen ein geläufiger Begriff zur Bereicherung unseres englischen Wortschatzes geworden.

Ob wir drei unserer Retterin als besonders Verdorbene, bzw. für das Laster Anfällige vorgekommen sind, deren Rettung von der schlüpfrigen Bahn in ein sittenreines Dasein ihre Christenpflicht sei, ist mir unbekannt geblieben. Außerhalb dieser Sphäre war unser Kleeblatt sich sofort darüber einig, unbedenklich unser Versprechen zu brechen. Eine solche Bekehrungsart wollten wir nicht ein weiteres Mal über uns ergehen lassen. Mit Halloh wurden wir an Bord von unseren Logisgefährten begrüßt. Auch hier, diese Schmach, galt ihre Freude nicht uns, sondern allein der mitgebrachten – Wurst -.

Diese geschätzte, unerwartete Bescherung zu dem frugalen Mannschaftsessen vernichtete jegliches Mitgefühl für die sich aufgeopferten Überbringer der Delikatessen. Wie manches im Leben, so hatte auch die Wurst ein baldiges Ende. Auf diesen billigen Genuß erhob man eine Art Rentenanspruch. Das Egoistenvolk faßte den einstimmigen Beschluß, meine Person erneut für die Beschaffung von Nachlieferungen einzusetzen. Dagegen half kein Sträuben. Mein Einwand, dann aber wieder in alter Stärke aufzukreuzen, drang nicht durch. Man war der Meinung, daß ich es allein schon schaffen würde.

So ging ich dann als Einzelgänger auf die Pilgerfahrt.

Hart hatte ich es zu büßen. Die Enttäuschung über das Ausbleiben meiner Chummys entlud sich gesammelt auf mein demütiges Haupt. Singen konnte ich auch nicht und so verlief der Abend ohne Orgelklang für beide Seiten recht dürftig. Realistisch war meine Wurstbeute auf 1/3 reduziert worden und stand somit im richtigen Bekehrungsverhältnis. Den Ausgleich schaffte die dreifache Mitgabe von erbaulichen Traktaten. Wenig christlich gehandelt, so sinnierte ich auf dem Weg bordwärts. Meine enttäuschten Backsgästen über die karge Jagdbeute gab ich deutlich ihre mangelnde Menschenkenntnis zu verstehen. Anstatt mich als Sologänger abzuordnen, hätte die ganze Crew mich begleiten müssen. Sicher wäre dann unsere Scheuer segensreich gefüllt worden. Obgleich die Wurst für mich allein bestimmt sei, würde ich diese in brüderlicher Barmherzigkeit mit ihnen teilen. Dazu war ja erst vor wenigen Stunden ermahnt worden.

Ja, und was wäre wohl ohne mein Großmut erfolgt? Auch ohne sie hätte die Gesellschaft meinen schwererrungenen Besitz bedenkenlos vertilgt. Bestens angewandter Sozialismus. In jenen Zeiten ein nebelhafter Begriff in den Kreisen der christlichen Seefahrt. Für den kommenden Sonntagmorgen hatte die um mich Besorgte mir die Zusage eines weiteren Besuches abgerungen. Zu einem harmlosen Frühstück und anschließendem Spaziergang war ich eingeladen und landete in einer Baptistenkirche. Anscheinend wurde ich dem Kreise der Gemeinde vorgestellt und vermutlich vom Prediger als nächsten Täufling auserkoren. Meine Schutzpatronin verließ mich nun, um ihr Amt als Organistin wahrzunehmen. Einer Flucht vorbeugend flankierte sie mich mit zweiälteren Glaubensgenossinnen.

Nach dieser unfreiwilligen Feierstunde gab es für mich kein Halten. Eilig verabschiedete ich mich von den Kirchgängern und von meiner -Wurstmiss -. Dieses mal für immer. Selbst der feurigste Appell, der nun mir wurstlos gewordenen Kameraden brachte es nicht fertig, mich der Gefahr auszusetzen, von dem zielbewußten Mädchen zum bußfertigen Baptisten umgetauft zu werden. Briefe, mit der immergleichen Ermahnung ein guter boy zu sein und beiliegenden Traktaten, liefen mir eine längere Zeit getreu nach. Dann blieben auch diese aus. Die Beurteilung, ob ich nun stets ein – Good boy – gewesen bin, bleibt meiner Umwelt überlassen.

Zu unserem allgemeinen Bedauern brachte uns die „Nordsee“ bereits 14 Tage später in den nahegelegenen Hafen von Melbourne. Von hier aus machten Krischan und ich noch ein Mal einen Sonntagsausflug nach dem verloren gegangenen Eldorado. Meine freundlichen Gastgeber besuchten wir begreiflicherweise nicht. Entronnenen Gefahren soll man nicht nachlaufen. Krischan buchte an diesem Tag noch eine arge Enttäuschung. Wenn wir Seeleute in den englisch sprechenden Bewohnerkreis eines Hafens planlos in den Straßen herumschlenderten, boten uns die offenen Versammlungen der Heilsarmee eine interessante Abwechslung. So auch hier in unserem Ausflugsort Geelong.

Auch hier führte der Kommandeur mit lautstarker Wortgewalt den zuhörenden Sündern die zu erwartenden Höllenqualen vor Augen, sofern sie nicht seinen Ermahnungen folgten und sofort seiner begnadeten Führung überließen. Als ersten Beweis der Läuterung hielt er eine Spende von irdischen Gütern für notwendig und zweckdienlich. Diese erfolgte dann auch. Von allen Seiten warfen die Verfemten Penny Stücke auf die Riesentrommel. Der Trommler und zugleich der Kassierer des sündigen Mammons war ein Deutscher. Mit diesem Landsmann hatte Krischan ein plötzliches Mitleid. Mit den Worten: „Hier min Jung, hest Du een sixpens förn lütten drink“, warf er einen halben Shilling auf den Opferstock.

Vulkanisch brach aber sein Zorn aus, als er sah, daß sein Geld der gut gemeinten geistigen Bestimmung entzogen wurde und zu dem geistlichen Sammelgut wanderte. Nur schwer konnte ich den mißverstandenen Wohltäter besänftigen.

Einige Tage später, in Melbourne, gelang es mir aber nicht. Wieder standen wir in der Masse einer Heilsarmeeversammlung. Plötzlich bemerkte Krischan, daß ihm im Gedränge die Taschenuhr gestohlen war. Sein Verdacht richtete sich gegen einen Mann, der neben ihm gestanden hatte und sich schnell entfernte. Krischan hinterher, verprügelte den Kerl und kehrte beruhigt zurück. Weder vor noch nach dieser Selbstjustiz hatte er sich herabgelassen, den Grund des Strafvollzuges dem Delinquenten zu offenbaren. Er muß schon den richtigen Spitzbuben erwischt haben, andernfalls wäre er nicht wortlos enteilt. Auf den Verlust der Uhr wäre es ihm nicht angekommen, sagte er nach meiner Anfrage über deren Verbleib. Allein nur auf eine Abreibung des Gauners habe er es abgesehen gehabt. So war Krischan, unser stärkster Mann an Bord. Achtzehn Jahre alt und trotz der vorgenannten Begebenheiten ein gutmütiger, zuverlässiger Makker.

Melbourne im Jahre 1906. Diese Großstadt Australiens stand in einem entschiedenen Gegensatz zu dem bescheidenen stillen Geelong. Auch hier gingen wir fast allabendlich an Land. Gemeinsam mit den promenierenden Einwohnern bummelten wir straßauf-straßab. Besonders hatte es der saturday afternoon in sich. Bereits in jenen Jahren war er eine unantastbare Freizeiteroberung der Arbeitnehmer. In diesen Nachmittagsstunden waren die Straßen übervölkert. Zuweilen besuchten wir die „Mission“. Allerdings kam hier nicht die persönliche Herzlichkeit zum Durchbruch, wie in Geelong. Verständlich, da Melbourne eine große Stadt und unsere „Nordsee“ nicht das alleinige, privilegierte Schiff im Hafen war. Diese Rolle spielten hier zumeist die uniformtragenden und dementsprechenden bewußten Auftreten die Apprentices der englischen Schiffe. Gegen diese illustren Einsatz hatten wir recht ungleiche Chancen. Trotzdem verlebten wir auch hier gesellige Stunden.

Am 19. Oktober war der Rest der Stückgutladung gelöscht. Am gleichen Tage versegelten wir nach Sydney. Dort sollten wir eine Ladung Kohlen für Talcahuano in Chile übernehmen. Sydney dürfte zu den schönsten landschaftlichen Hafenstädten der Erde zählen. Wohl jeder Fahrensmann, der mit seinem Schiff durch das enge Nelsentor in die weite Bucht einlief, wird von dem einzigartigen Panorama beeindruckt gewesen sein, das sich plötzlich sein Auge bot. Eingebettet in schattige Gärten und kleinen Waldungen lagen die Landhäuser all jener Bevorzugten, denen es vergönnt war, außerhalb der City zu wohnen. Noch gab es die Riesenbrücke nicht, die in späteren Jahren die Bucht überquerte. Schneeweiße Fährboote vermittelten den Verkehr zwischen dem Stadtkern und den Vororten. Vereint mit diesen kreuzten schlanke Yachten und Ruderboote auf dem klaren Wasser bei strahlendem Sonnenschein umher und schenkten uns ein Bild von besonderer Schönheit und stetigen Wechsel. Nach wenigen Tagen dieser Geruhsamkeit verholte uns der gleiche Schlepper „Port Jackson“, der uns eingebracht hatte, an die Kohlenkippe.Von der Pier aus war der Landgang bequem und vom Kapitän großzügig mit Geld versorgt, waren wir in der Freizeit ständig unterwegs. Jede Chance wurde ausgenutzt, um die Schiffsplanken mit dem australischen Erdboden zu tauschen.

Geld: Wir Alten der Seefahrt erinnern uns gut daran, war in jenen Zeiten für die Mannschaft eine besonders heikle Angelegenheit. Nicht etwa das Ausgeben des Mammons! Wohl hatte man ein Guthaben im Schiff, doch nur tropfenweise konnte man es anzapfen. So wollte es die weise Fügung der fürsorgenden „Seemannsordnung“. Bei der Anmusterung wurde ein Handgeld in Höhe einer Monatsheuer, allgemein als Advance bezeichnet, jedem Mannschaftsgrad ausgehändigt. Weitere Geldansprüche waren damit für das erste Vierteljahr abgefunden. was dann folgte, war zumeist von dem mehr oder minder vorhandenen Großmut des Kapitäns abhängig. So sammelte sich auf langen Reisen ein erhebliches Guthaben an, das sowohl dem Reeder als Pfand gegen das Auspicken eines Bordmüden diente, wie anderseits ihm bei der Mehrzahl seiner Schiffe ein nettes zinsfreies Kapital anhäufte. Eine unbestrittene Meinung in den Logisgesprächen eines Windjammers. Von Kapitänen wurde an der Back erzählt, die durch eine miserable Behandlung ihre Leute zum Fortlaufen zwingen wollten, um deren angesammeltes Guthaben für sich einzukassieren. Diese – guten alten Zeiten – bargen Probleme, mit denen der heutige Seemann sich nicht mehr zu beschäftigen hat.

Wir von der „Nordsee“, hatten ein Schiff erwischt, dessen Führer der Zeit weit voraus war. Er hatte die eigene Fahrzeit vor dem Mast nicht vergessen und seine Lehren daraus gezogen. So konnten wir mit einer ausreichenden finanziellen Unterlage und dem entsprechenden Selbstbewußtsein unsere differenzierten Unternehmungen vergnüglich starten. Sydney bot reichlich Gelegenheit dafür.

Am 9. November spannte sich „Port Jackson“ vor die willig folgende „Nordsee“ und außerhalb der Gates überließ er sie der eigenen Kraft und der weiten See. Am Vortage hatten wir noch eine Überraschung. Die Koje von drei Junggästen war leer. Die Vögel waren ausgeflogen. Das verlockende Angebot eines englischen Kapitäns, sie als Matrosen anzumustern, hatte die Neulinge im Bordleben vermutlich von der Backschaftplage befreit. Zwei von den Jungen konnten nicht wissen, daß diese Befreiung wenige Monate später das Ende ihres Lebens brachte. Beim Baden in einem chilenischen Hafen sind sie ertrunken. Auf unserer Wache bekamen wir als Ersatz einen alten, ziemlich abgerissenen Schweden als Matrose und einen asthmatischen, schwächlichen englischen Leichtmatrosen.

Die "Nordsee" verkehrte zwischen den Kontinenten als schnellstes Schiff seiner Zeit

Kapitän Peitsmeier wußte, was er seinem Schiff und der Mannschaft bieten konnte und so knüppelte er darauf los und wir waren begeistert. eine solche Teufelsfahrt mitzumachen. Am Buß- und Bettag hatten wir eine Durchschnittsfahrt von gut 16 sm während eines Etmal. Nur wenige Passagierdampfer erreichten in jenen Jahren diese Geschwindigkeit. Wundgescheuerte Handflächen gab es beim abstoppen der rasant abrollenden Logleine. Das Deck glich einer Waschbalje, in der wir, die erforderlichen Arbeiten verrichtend, umherschwabberten. Dann kam der Tag, an dem wir das Ölzeug und die Seestiefel beiseite stellen konnten. Kein Segel war verloren gegangen als wir das Sturmgebiet beim Kurswechsel nach Norden verlassen mußten.

Am 7. Dezember 1906 erreichten wir unseren Bestimmungshafen Talcahuano. Eine Reisedauer von 28 Tagen lag hinter uns. Nur selten dürfte sie unterboten sein. Ein englischer Dampfer, der einen Tag vor uns in Sydney verlassen hatte, kam zwei Tage nach uns in Talcahuano an. Verständlich, daß diese Leistung im Logis mit gleichem Stolz empfunden wurde, wie im Achterschiff.

In Talcahuano zeigte sich, was ein weitblickender Kapitän, mit der richtigen Beurteilung seiner Besatzung, im Schiffsinteresse erreichen kann. 2500 Tonnen Kohlen sollten, wie an der Westküste üblich, von der Mannschaft gelöscht werden. Eine Dampf- bzw. Motorwinsch hatten wir nicht. Dafür aber acht muskelstarke Männerarme an der Handwinsch. Ein rationeller, intakter Pferdestärken Ersatz. Fahrensleute, die in den Häfen der südamerikanischen Westküste Kohlen, oder noch ärger, Koks gelöscht haben, vergessen diese Knochenarbeit nicht. Ebensowenig die unbarmherzig brennende Sonne während der südlichen Sommerzeit. Eine Erleichterung war es für die Raumleute, wenn sie sich durch die feste Kohle- oder Koksmasse zu den Bodenplanken gegraben hatten und hier eine glatte Unterlage zum schaufeln hatten.

Schwer mußten sie sich ranhalten, ihre Körbe zu füllen, um nicht in Rückstand gegen die Kurbelnden Winschleute zu kommen. Vier Mann im Raum und vier Mann an Deck und auf der Stellage unser – Zweiter -, der die am Runner hängenden hochgeschnellten Körbe warnahm und ihren Inhalt über die Reling in die längsseite liegende Lansch kippte. Ein tolles Arbeitstempo hatte sich bei uns eingespielt. Es hatte schon seinen Grund. Der Kapitän hatte nämlich eine Art von Akkordvertrag mit uns abgeschlossen. Sofern wir täglich 100 Tonnen Kohle löschen würden, sollte für uns Feierabend sein. Außerdem würde er am Wochenende ein Faß Bier spendieren. Für die Gestellung der erforderlichen Lanschen würde er sorgen.

Kaum anzunehmen, daß ein derartiges Angebot in einer langen Vorzeit jemals Windjammermatrosen gemacht worden ist. Wir schaufelten und kurbelten darauf los. War noch Freiraum in einer Lansch, dann war es für uns selbstverständlich, diesen über unseren Vertrag hinausgehenden Platz aufzufüllen. Keine Lansch verließ das Schiff ohne vollbeladen zusein. Spätestens 16 Uhr war der Arbeitstag für uns beendigt. Frisch gewaschen und im sauberen Päckchen gingen unsere Blicke vielfach zu den Nachbarschiffen hinüber auf denen bis um 18 Uhr gearbeitet wurde und manche Lansch mit dem Glockenschlag die Leinen los warf und nur teilweise beladen, eiligst abfuhr. Es konnte nicht ausbleiben, daß wir beneidet wurden. Sowohl von den Mannschaften, wie von manchen Kapitän, dem die prompte Abfertigung der Lanschen nicht entgangen war.

Der ersten Sonnabend kam.

Ihm folgten viele mit dem gleichen Verlauf. Am Nachmittag fand das Übliche Deckwaschen statt. Der Kohlendreck, die unvermeidliche Zugabe der emsigen Wochenarbeit ran durch die Speigatten. Nach dem persönlichen Reinigungsprozeß wurde das Arbeitszeug gewaschen, getrocknet und bis zum Montag tief verstaut. Gegen 20 Uhr schlenderten wir gemächlich nachachtern. Voran unsere Dreimannskapelle. Neben Luke II, die mit Persenning abgedeckt war, lag das zugesagte Faß Bier. Eilige Hände schafften es auf die Luke. Krischan, der sachverständige Gastwirtssohn, zapfte es zunftgemäß an und übernahm den Ausschank. Die Musikanten setzten sich in Reichweite des edlen Gerstensaftes auf den Lukenrand und nach dem ersten Vorspiel kamen die Achtergäste an Deck. Wortlos stellte der Kapitän als Zugabe eine Kiste Zigarren auf die Luke. Der Bordball konnte beginnen!

Der Kapitän war Nichttänzer. Mit einer Handbewegung ermutete er uns, seine Frau zum ersten Walzer aufzufordern. Zögernd, doch dann mit der Haltung eines Weltmanns, kam Richard Vorkamp dieser stummen Geste bereitwilligst nach. Dann waren die Hemmungen des Klassenunterschieds zwischen Vor- und Hinterschiff restlos überwunden. Schnell hatten wir die Tanzfreudigkeit unserer Kapitänsfrau erkannt. Unermüdlich wanderte sie im Walzer – oder Polkatakt von Seemann zu Seemann. In Ermangelung von weiteren weiblichen Partnern, wählten man einen solchen aus dem Männerkreis. Bis der letzte Tropfen aus dem Faß versickert war, zur späten Nachtstunde, hielt die Ausdauer der Musikanten, der Tänzerin, des freigestimmten Kapitäns und von uns Logisbewohnern in bester Laune an.

So erlebten wir unseren Kapitän von der außerdienstlichen Seite. Mit diesem fröhlichen Wochenende an Bord verfolgte er zugleich ein Sonderinteresse für sein Schiff und seine Besatzung. Ein Sonnabend, oder vielmehr die darauf folgende Nacht, war für den Seemann an der Westküste voller gefährlicher Klippen. Auf der Reede liegend, ohne Landverbindung, hatte er sechs lange Wochentage gehorsam seinem Schiff zu dienen. Kein Wunder, daß sein Herz und sein Verlangen auf die ungebundene Freiheit am Wochenende ausgerichtet war. Zu Dutzenden lagen die Segler der schiffahrttreibenden Nationen in den Salpeterhäfen Chiles beieinander.

Nach Feierabend am Sonnabend begann der Massenstart der Sailors an die vermeintliche Freiheit. Eine buntscheckige, tatenlustige Gesellschaft war es schon, die an Land stürmte. Mehr oder minder landfein gemachte Engländer, Franzosen, Italiener, Skandinavier, Yankees und Deutsche, Weiße und Farbige waren es, welche die Stunden des Landlebens weidlich ausnutzen wollten. Unter ihnen harte Burschen. Das Ziel war für dieses internationale Mischvolk nahezu das gleiche.Familienanschluß fand der einfache Seemann bei den Einheimischen nur in Seltenheitsfällen.

Seemannsmissionen gab es meines Wissen nicht. Sofern solide Gasthäuser vorhanden waren, handelte es sich um die Stammlokale der Kapitäne, die für Janmaat tabu waren. Dafür aber Tanzstätten übelster Art, „Fandangoknust“, war die Bezeichnung von uns Deutschen für diese Slums in brüchigen Baracken. Von der Decke baumelten ein paar Petroleumlampen, die trübes Licht spendeten. An den Wänden standen lehnenlose Holzbänke, in Luxusfällen altersschwache Stühle. Tische fehlten. Solche hätten in den engen Räumen auch keinen Platz für die Tanzfläche freigelassen. Nebeneinander, in noch friedlicher Stimmung, saß die internationale christliche und anders gläubige Seefahrt im Tempel Terpsichore’s in Erwartung einer persönlichen Glücksstunde.

Gegenüber, ebenso aufgereiht, die dunklen Senoritas mit ihren blitzenden, lockenden Augen. Kastagnetten wirbelten das Völkergemisch auf und nun begann das Groteske des Abends. Taschentuchschwingend, versuchte Janmaat seiner jeweiligen Auserkorenen im feurigen Fandango seine Vertrautheit mit ihr und ihrem Nationaltanz zu beweisen. Unterdessen kreiste bei den Nichttänzern ein Riesenhumpen mit einem Teufelswein, von uns als „Vino caracho“ bezeichnet, und mit einem noch infameren Kehlenzerstörer, den „Pisco“. Von Mund zu Mund wanderte das Gefäß, gnadenlos war man dieser Verbrüderung ausgesetzt. sofern man die Anderen nicht verletzen wollte. Dieser unkontrollierte Alkoholüberfluß und die aufkeimende Eifersucht sorgten dafür, daß der Realismus sich allzu schnell wieder durchsetzte.

Man hatte seine Fäuste ja nicht nur für die Decksarbeiten. Für so manchen glühenden Senoritafreund war der „Kalabus“ das Ende seiner Erwartungen. Manche Seemann hat diese verkehrswerbende Geldquelle in den Häfen der Westküste kennen gelernt. Ein jeder aber hat von den unfreiwilligen Gästen dieser Stätte alle Einzelheiten über die Unterkunft, Verpflegung und Behandlung erfahren. Zu meinem heutigen Bedauern kann ich nur weitergeben, was uns Alten der Seefahrt im Backsgespräch von den heimgekehrten Hotelgästen anschaulich berichtet wurde. Auch wenn die Schlacht aller gegen alle im Fandangoknust ohne polizeiliche Beteiligung geendet hatte, lebte man weiter auf gefährlichem Boden.

Ging man vereinzelt oder nur zu zweien durch die nächtlichen Straßen, war damit zu rechnen, daß plötzlich lassoschwingende Polizeihelden auf hohem Rosse auf Menschenfang aus waren. Diese abartigen Gauchos waren Meister in ihrem Fach. Hinter der Rosinante trabte das eingefangene Opfer und landete unweigerlich im „Kalabus“. Hier gab es weder eine Vernehmung, noch ein Protokoll. Man war eben ein drunken sailor. Vermutlich erbrachte dem Lassowerfer die Einbringung Lob und Ruhm, am Ende sogar eine Prämie. Das Geschäft für das sportliche Bemühen seiner Reitersleute machte jedenfalls der Kalabuschef.

Todsicher erschien am Montagmorgen der Kapitän des betreffenden Schiffes bei ihm, um sein verlorenes Schaf gegen den Standardpreis von 10 Peso Hotelkosten einzulösen. Ein laufendes, florierendes Wochenendgeschäft für den Firmeninhaber. Spartanische Sitten wurden in dieser Staatseinrichtung in Schatten gestellt. Sitz- und Liegemöglichkeiten hätten das Fassungsvermögen des Lokals beeinträchtigt, ein verständlicher Grund, davon Abstand zu nehmen. Immerhin fehlte es nicht an einer sanitären Ausstattung. Ausgediente Petroleumkanister deuteten ohne besondere Anweisung auf ihren Zweck hin. Hier sammelte sich nun das Vielerlei, das sich tatendurstig an Land begeben hatte und in dem Kampf mit den Tücken des Schicksals besiegt war. Ohne Berücksichtigung eines freien Stauraums füllte sich die Stätte mit mehr oder minder alkoholisierten, fluchenden Fahrensleuten. Mißmutig und abgekämpft suchte Freund und Feind eine Liegestatt auf dem feuchten Boden. Wenn auch ungewollt, zwang das gemeinsame Los die bunte Schar zur Friedfertigkeit.

Ihr Leidensweg ging aber weiter. Am frühen Sonntagmorgen wurden sie aufgescheucht und ohne den gewohnten Specht’schen Kaffeetrunk trieb man sie hinaus. Allerdings nicht in die ersehnte Freiheit, sondern zu vulgären, standeswidrigen Fronarbeiten zwang man den ruhebedürftigen Seemann. Kloaken und Pferdeställe ausmisten, Straßen fegen und derlei für Janmaat unwürdige Arbeiten waren seine feiertägliche Beschäftigung. Wasser und Brot die Zugabe. Kein Wunder, daß die so oft geschmähten Fleischtöpfe des Smutjes traumhafte Vorstellungen erzeugten.

Die besondere Sehnsucht galt aber seinem Kapitän. Wie gesagt, auf diesen war Verlaß und am Montagmorgen würde er gegen Zahlung der Beherbergungskosten bei dem Kalabuschef sein Anrecht auf abhanden Gekommenen fordern, das stand fest. Nicht christliches Mitleid war es, was die Masters zu einer so ungewohnten frühen Stunde an Land trieb. Ausgesprochener Egoismus verbarg sich hier, wie so oft im Leben, hinter äußerlicher Humanität. Mancher Grauler hätte man frohen Herzens zur Abgeltung von erlebten Ärger getrost tagelang in seinem tariflich gebundenen Zehnpesohotel schmoren lassen, wenn nicht – seine Arbeitskraft, bzw. der halben Crew an Bord gefehlt hätte. Die Lade- oder Löscharbeiten verzögerte sich, da es auf jeden Mann ankam. Darum holten die Kapitäne ihre willig folgenden, ausgehungerten Schützlinge eiligst auf den gefahrloseren Schiffsboden zurück.

Ein doppelter Schlag Erbsensuppe mit Speck

brachte sie wieder auf die Beine und zurück an die gewohnte Arbeit. Erleichtert um 10 Peso, bereichert an gewissen Erfahrungen, fluchend auf die verdammten „Dagos“, wurden Schwüre geleistet, in diesem teuflischen Land jemals wieder ein Fuß auf die Erde zu setzen. Natürlich ging es, soweit man noch Geld hatte, am nächsten Wochenende wieder ashore. Gegen diese erlebten Methoden sei man jetzt ja gefeit und würde sich zu wehren wissen. Die Eintönigkeit an Bord und die einlandende Abwechslung an Land, das so greifbar nahe lag, warf alle Schwüre und Vernunft über Bord.

Besonderes Pech hatte mein Schwager. Er war Matrose auf einem Engländer. Das Schiff lag in Iquique. Ostern war es. Einige seiner Kameraden waren in der Nacht zum Sonntag die Opfer der Menschenjäger geworden. Gutmütig, wie er war, wollte er seinen Mackern die öde Zeit im Kalabus mit einer Flasche Schnaps verkürzen helfen. Er sah auf seinem Osterspaziergang nicht das grünende Tal, den Hoffnungsschimmer, wie weiland Faust. Auch in der Ferne nicht den schwarzen Pudel. Blindlings lief er in die Falle. Hinein ließ man den Spender – hinaus aber nicht. Den Schnaps war er los, bevor er die Besuchererlaubnis erhalten hatte. So verlief das „frohe Osterfest“ der Christenheit, für den christlich handelnwollenden Seemann in erbaulicher Stimmung und Umgebung. Märtyrer gab es ja zu allen Zeiten.

Diese feudalistischen Verhältnisse an der Westküste waren natürlich durch vieljährige Erfahrungen Kapitän Peitsmeier bestens bekannt. Nicht ausgeschlossen dürfte es sein, auf seine persönlichen als Matrose. Taktisch klug, umsteuerte er diese Klippen für sein Schiff und seine Crew durch geselligen Wochenendfeste auf dem Achterdeck.

Am Sonntagmorgen ließ er ein Boot klarmachen und zusammen mit seiner Frau, dem Töchterlein und den Beurlaubten ging es zur Küste. In einer, der ansonsten geheiligten Gaststätten, dem Privileg der Kapitäne, spendierte er für seine Leute noch eine Runde und mit dem Hinweis, daß am Abend um 6 Uhr das Boot ablege, begaben diese sich auf den eigenen, freien Kurs. Als Kenner der Seemannspsyche wird er damit gerechnet haben, daß es ihm trotz seiner vorbeugenden Maßnahme nicht erspart bleiben würde, am Montagmorgen ein verirrtes Schaf heimzuholen. Beispielsweise fiel es unseren beiden Schweden von der St.B. Wache schwer, zu einer so frühen Abendstunde den geistigen Freuden zu entsagen.

Talcahuano, im fruchtbar gesegneten Mittelteil von Chile gelegen, war für uns Seeleuten ein Eldorado im Gegensatz zu dem trostlosen Norden des langgestreckten Landes mit seinen öden Salpeterhäfen. Ohne eine Zuflucht im Fandangoknust zu suchen, boten sich hier genügend Gelegenheiten um die wenigen Stunden des Landurlaubs abwechslungsreich zu genießen. Traditionsgemäß verbringen viele Einheimische den Nachmittag promenierend auf den Uferstraßen. Hier brachte der frische Seewind eine angenehme Kühle für die hitzegeplagte Menschheit, der wir uns oftmals zugesellten. Zuweilen fand sich eine Bordkapelle bereit, ein Platzkonzert zu geben. Für die Chilenen war dieser unentgeldliche Kunstgenuß von Seiten der „Gringos“ eine Sonderfreude, die einen entsprechenden reichen Beifall fand.

Ein solcher erfolgte aber auch bei der Einschiffung der bunten Gesellschaft am Abend. Eine einfache Angelegenheit – sollte man meinen. Es stimmt schon, wenn man es mit besonnen, klaren Köpfen zu tun hat. Vor der Masse der Heimkehrer konnte es ohne weiteres gesagt werden, doch augenfällig traten stets jene in Erscheinung, die sich von den Genüssen des Landes nicht trennen wollten. Je nach ihrer Nationalität reagierten die Schädel der torkelnden Gestalten. Von neugewonnenen Freunden oder aufgegabelten Beachcombern wurden rührsamer Abschied genommen. Lallend wurde für ewige Zeiten Freundschaft gelobt.

Für die Bootsführer, gewöhnlich die Steuerleute der Schiffe, war es eine Sonderleistung, Ordnung in ihrem Boot zu schaffen, die eigenen Jantjes von fremden zu sortieren und letztere aus dem Boot zu kanzeln. Half alles Zureden bei den Widerspenstigen nicht, dann war die Ruderpinne das einfachste Mittel zur Herstellung von Ordnung und Eintracht. Die Zuschauer an Land spendeten den Akteuren begeisterten Applaus und mit diesem Abschied pullte ein Boot nach dem anderen mit seiner müde gewordenen Menschenfracht an Bord zurück.

Weihnachten 1906

Die Kapitänsfamilie wollte das Fest mit Bekannten an Land verbringen. Vorher hatte der Kapitän sich nach unseren Festmahlswünschen erkundigt. Einstimmiger Magenwunsch war „Hammelfleisch und Kohl“. Aus welchem Grund dieses Gericht seine besondere Verlockung für uns hatte, erinnere ich nicht. Vielleicht war es das Höchst erreichbare Phantasiebild für den Matrosengaumen jener Tage. Gänsebraten oder dergleichen faßte unser Gehirn sicher nicht. Allerdings auch nicht das unserer Reeder. Immerhin ist es wohl allen Seeleuten gleichermaßen ergangen, daß ihre Gedanken sich mit deren Festfreunden in ihren kultivierten Heimen und den eigenen im Mannschaftslogis beschäftigten.

Hier, auf der „Nordsee“

erlebten wir nun, daß die Mannschaft nach kulinarischen Weihnachtswünschen befragt wurde. Für mich ist es auch das einzige Mal während meiner Fahrzeit geblieben. Der Kapitän kaufte einen feisten Hammel, dazu den nötigen Kohl, wünschte uns ein „frohes Fest“ und fuhr mit Weib und Kind zu seinen Gastgebern. Bier und Zigarren hinterließ er als Sondergeschenk. Mit dieser Fürsorge hoffte er, daß seine Leute in guter Stimmung und Zufriedenheit die Feiertage verbringen würde. Die besten Absichten schlagen aber fehl, wenn der Teufel die Hand im Spiel hat.

Dieser Höllenfürst konnte sich wohl nicht mit der Verletzung alter Gebräuche durch einen wohlwollenden Kapitän abfinden. So schnappte er sich die schwächste Seele des Schiffes, den Smutje. Dieser auf einem Schiff so wichtige Mann bevorzugte stärkere Getränke als seine Kaffeebrühe. Hiervon wußte man und der Kapitän wachte darüber, daß ihm der Zugang zum Köhmfaß versperrt bleibt. Nun fehlte ihm sein Schutzpatron. Zudem war Weihnachten. Warum sollte er freudelos bleiben? Jedenfalls fand er den Zapfhahn zu seinem Verlangen und tankte sich bis zur Lademarke voll.

In dieser festlichen Stimmung kochte er dann unser Hammelfleisch mit Kohl. Ahnungslos geht zur Mittagszeit Waldemar, unser Backschafter, zur Kombüse um unser Wunschgericht zu holen. Mit leeren Back kommt er entsetzt zurück mit dem Bericht, daß die Kombüse in einen stinkenden Qualm gehüllt und nicht zu betreten sei. Geschlossen marschierten wir zur Kombüse. Da lag der Koch auf seiner Holzbank, weder prügelempfangsfähig noch ansprechbar, halb erstickt in einem todesähnlichen Schlaf.

Der Kohl verdiente seine Bezeichnung, er war verkohlt und mit ihm der Hammel. Mit einem leicht angesengten Futter fand sich ein wenig verwöhnte Seemannsmagen noch ab, nicht aber mit den Resten einer Brandstätte. Alle lästerlichen Verwünschungen halfen uns nicht, der Übeltäter feierte das Fest eben nach „seiner Art“. Mit dem Hammelkohl wurden die Fische gefüttert, soweit deren Appetit es zuließ. Hungrig und fluchend feierten wir mit Hartbrot und Margarine in erheblich reduzierter Stimmung „unser Weihnachtsfest“.

Am Tage nach dem Fest kehrte die Kapitänsfamilie zurück. Die erste Frage des Kapitäns galt dem Weihnachtshammel. Armer Smutje. „Von wem wollen Sie die Prügel beziehen, von den Jantjes oder von mir?“, waren die einzigen Worte, die der Kapitän dem Koch in dessen Reich sagte. Wohl hoffend, gelinder dabei abzukommen, wählte er die gepflegte Hand des Fragestellers und wunschgemäß bekam er sie zu fühlen. So gründlich und reichhaltig, daß er seine Wahl sicherlich bedauert hat.

Das Schiff wurde leer, der Sandballast wurde übernommen und am 17. Januar 1907 ging es wieder in See. Nicht, womit wir stark gerechnet hatten, nach einem nordchilenischen Hafen um dort Salpeter nach Europa zu laden, sondern nach Newcastle in Australien. Die Salpeterfracht hatte einen derartigen Tiefstand erlitten, daß es trotz der Ballastreise nach Australien für die Reederei lohnender war, von dort erneut eine Kohlenfracht nach Chile abzuschließen.

Unter Ausnutzung des Südostpassates und der südlichen äquatorialen Strömung schlengerte das Schiff durch den Pacific. Gutes Wetter mit strahlenden Sonnenschein waren stetige Begleiter.Erna bekam Seebeine und wackelte schon allein über Deck. Ihr Ziel war stets das Vordeck und unser Logis. Hier fand sie ohne Nachfrage den Hartbrotspind. Den madenhaltigen eisenharten Pferdehufen gab sie den Namen „Kuchen“ und mit sichtbaren Genuß knabberte sie darauf los. Mit dem echten, hausfraulich gebackenen Kuchen ihrer Mutter, konnte diese sie nicht locken. Bei uns futterte sie Erbsensuppe und an der Kapitänstafel verschmähte sie Hühnersuppe. Das junge Fräulein kannte einfach keine Standespflichten.

In geringem Abstand begegneten wir am 13. Februar die norwegische Bark „Mataura“. Ein paar Flaggensignale wurden ausgetauscht und jedes Schiff fuhr auf seiner einsamen Bahn weiter. Am 3. März passierten wir die Datumsgrenze. Unsere „Nordsee“ nahm keinerlei Notiz von dieser Kalenderzauberei, unentwegt strebte sie ihrem Ziel entgegen, das sie am 14. März erreichte. 59 behagliche Reisetage lagen hinter uns. Auf dieser zurückgelegten Reise hatten wir einen neuen – Ersten -. In Talcahuano war der bisherige sang und klanglos aus unserem Gesichtskreis verschwunden.

Ein Verlust für das Schiff war es nicht. Selbstverständlich war es für Kapitän Peitsmeier, daß er seinen bewährten 2. Offizier zum 1. Offizier aufrücken ließ. Für uns Matrosen war er sowieso maßgebend gewesen. Ich erinnere nicht, ob bereits hier in Newcastle oder in einem späteren Hafen ein neuer 2. Offizier angemustert wurde. Wie bereits früher in Melbourne und Sydney berichteten die Zeitungen in großer Aufmachung, daß der schnelläufer Phos, das jetzt bekannte Schmugglerschiff, die jetzige „Nordsee“, wieder in einem australischen Hafen eingelaufen sei. Diesen Berichten nach, war das unter norwegischer Flagge fahrende Schiff als Großschmuggler von Seidenwaren ertappt worden. Dieses Sondergeschäft der Norweger hing uns an und damit die Sonderehrung einer aufmerksamen Behandlung von Seiten der Zöllner.

Nun lagen wir abseits der Stadt zwischen grünen Wiesen, vertäut an einem Anlegesteg, vom Lotsen als Jetty bezeichnet. Mit uns wartete eine stattliche Zahl weiterer Segler auf die Beladung. Dem Ankunftsdatum der Schiffe entsprechend erfolgte diese in geordneter Reihenfolge. Sofern die Züge laufend die Kohlen von den Minen herbeischafften, dauerte die Beladung nur wenige Tage. Nahezu fünf Wochen lagen wir in unserer Abgeschlossenheit. Ab und zu fuhren wir mit einer Fähre zur City. Unser erster Weg führte uns unvermeidlich zur – Post Office -.

Wohl jeder von uns Oltimern, der in Newcastle gewesen ist, hat diesen internationelen Treffpunkt der Seeleute kennen gelernt. Drei schöne Wirtstöchter ließen jeden spendablen Seemann glauben, er sei der Auserkorene und Anwärter auf eine spätere besonders liebenswürdige Auszeichnung. Vermutlich kamen hierfür nur höhere Dienstgrade als die eines common sailors infrage. Jedenfalls wurde ein Freund von mir als junger Offizier eines Dampfers von seinem um ihm besorgten Kapitän im letzten Augenblick von einer bevorstehenden Verlobung mit einem der girls gerettet. Unsere Shillings waren aber gleichwertig und strömten, frei von Rangunterschieden, munter in die Geldkasse.

Während dieser Wartezeit an Landliegeplätzen hatte die Besatzung die seltene Gelegenheit zu gegenseitigen Bordbesuchen. So hörte man von Freud und Leid der Fahrensleute. Man kannte die Schiffe und den Ruf ihrer Reeder und Kapitäne. Waren es nicht die eigenen Erfahrungen, dann war es die Wiedergabe von Handlungsweisen von berüchtigten Kapitänen, die in den Logis der Windjammer allgemein kursierten. Erkannt hatte man, daß auf unserer „Nordsee“ ein guter Geist herrschte und die Besucher gern gesehene Gäste waren. Ein Besuch galt aber mir allein. Peter Carstens, mein alter Schulfreund überraschte mich an einem Sonntag mit seinem Erscheinen. Peter fuhr als Matrose auf einem Küstenschoner zwischen dem Südseearchipel und Australien. Zur Zeit lag sein Schiff in Sydney. Er hatte erfahren, daß die „Nordsee“ in Newcastle lag und kurz entschlossen machte er sich auf den Weg zu uns. Eine unerwartete Freude brachte dieses Wiedersehen mit dem Eppendorfer Freund vieler Jahre. Fernab der Heimat verlief das Beisammensein bei den Antipoden allzu schnell. Lange Jahre vergingen, bevor wir uns in Hamburg wieder trafen.

Das größte Erlebnis hatte aber unsere Erna. Als weibliches Wesen war ihr nur ihre Mutter ein Begriff. Die erste Frau, der sie hier begegnete, wurde erstaunt mit „Mama“ angesprochen. Bisher hatte sie es ja nur mit dem Mannsvolk zu tun gehabt.Dann folgte die erstaunliche Neuerscheinung in ihrem jungen Dasein. Neben dem Schiff tauchte eines Tages ein kleiner Junge auf. Da gab es für die Evastochter kein halten mehr. Irgend jemand von uns trug sie an Land. Eine spaßige Anbiederung begann. Beide plapperten in ihrer Muttersprache darauf los und begriffen nicht, daß sie nicht verstanden wurden. Dessen ungeachtet tollten sie nach kurzer Zeit, wie altbekannte Spielfreunde lustig auf der Wiese umher. Täglich kam der Junge wieder. Treulos hatte Klein-Erna uns allesamt vergessen. Nur zum Packesel taugten wir noch, um sie zu ihrem Freund an Land zu tragen.

Dann kam der Tag, der Erna’s Wiesenfreundschaft schroff beendete und uns von der Wartezeit erlöste. Wir verholten unter die Kohlenkippe. Wagon nach Wagon entleerte sich über das wehrlose Schiff und hüllte es betrauernd in einem Schleier von Kohlenstaub. Mit sauberem Deck und gereinigter Haut wurden die Sturmsegel untergeschlagen. Mit entstaubten Lungen und frischer Lust verließen wir am 20. April 1907 Newcastle mit der Order für Caleta Colosa in Chile.

Unserem Vollrigger war es gleich, wohin die Reise ging. Auf seiner früheren Bahn hetzte der Renner davon. Wie auf der vorherigen Reise passierten wir nach zehn Tagen den 180 Längengrad. Am 21. Mai waren wir querab der Inseln Juan Fernandes und am 27. Mai ankerten wir nach 37 Reisetagen auf Reede von Caleta Colosa. Immerhin war es eine durchaus gute Zeit, da Caleta Colosa mehr als 800 sm nördlicher als unser vorheriger Löschhafen Talcahuano liegt. Weder von unserem Schützling noch noch von ihrer Mutter hatten wir während der tiefgekühlten Sturmfahrt auf 50° Südbreite etwas gesehen. Wohl war Erna im Gegensatz zu ihrer Mutter seefest, doch für beide war die Kajüte ein geborgenerer Aufenthalt als das Schwimmbassin an Deck. Jetzt hatte die Umwelt sie wieder.

Mit Caleta Colosa hat der Herrgott bei der Schaffung der Erde sicherlich beweisen wollen, daß er es auch anders kann als der Menschheit ein Paradies zu schenken, das doch nur verplempert wurde. Das ist ihm auch gründlich gelungen. An Trostlosigkeit ist der Ort kaum zu überbieten. Frei von aller Landsehnsucht löschten wir nach dem bewährten Talcahuaner Akkordvertrag täglich 100 Tonnen Kohlen und feierten am Wochenende unser kleines Fest auf dem Achterdeck. Neben der Öde der Landschaft, ist mir der dortige Figaro alleinig in Erinnerung geblieben.Ein teuflischer Backenzahn hatte mich während der Reise erbarmungslos gequält. Über die harmlosen Zahntropfen aus der Schiffsapotheke triumphierte er hämisch. In diesem verpönten Hafen fand er nun seinen Bezwinger. Ein Mal wöchentlich kam ein Arzt aus dem cka. 10 Seemeilen entfernten Antofagasta zur Abhaltung einer Sprechstunde nach Caleta Colosa.

Sein Gehilfe war ein deutscher Barbier. Bei der ersten Gelegenheit schloß ich mich den weiteren Arztbedürftigen an, um endlich wieder zu meinem Schlaf zu kommen. Der Kapitän fuhr mit uns an Land. Der Arzt war noch nicht gekommen. Als sein Helfer hörte, daß mir ein Zahn gezogen werden sollte, griff er in seine Jackentasche, holte aus dieser eine Handvoll Zähne aller Größen und Zerstörungen an’s Tageslicht und hielt sie stolz dem Kapitän vor Augen. Dazu bemerkte er, daß diese seltene internationale Sammlung sein Werk sei, der Arzt von der Zahnzieherei keine Ahnung habe und zudem würde er die Prozedur erheblich billiger ausführen als der Mediziner.

Vielleicht war die Preisunterbietung für den Kapitän ausschlaggebend, mir war alles recht und mit meiner Zustimmung übergab er mich dem vermutlichen Folterknecht. Unter Mißachtung seiner Verpflichtung als Heilgehilfe bugsierte er mich eiligst aus dem Bereich seines ärztlichen Konkurrenten. Wir landeten in einer der üblichen Wellblechbuden im Ortsinneren. Vorerst blieb mir unklar, aus welchem Grunde er die Exekution nicht in seiner verschwiegenen Behausung, sondern vor derselben ausrichtete. Bald wußte ich es. Mir war alles gleich. Die letzten Wochen hatten mich weich gemacht. Schicksalsgenossen, die auf einem langen Seetörn gleichermaßen gepeinigt wurden, werden mich verstehen. Ich bestieg das Schaffot, einen altersschwachen Rohrstuhl.

Müßiggänger finden sich zu allen Zeiten und an allen Orten ein, um Teilhaber an mehr oder minder ergötzlichen Geschehnissen zu sein. Zumal hier, wo die Arbeit nicht gerade als Segen des Himmels angesehen wurde. Mein – Doktor Eisenbart – brauchte sich nicht marktschreierisch zu verausgaben. Genug des Volkes hatte sich angesammelt. Er setzte die Zange an, den richtigen Peiniger erwischt zu haben. Neben dem nunmehr Entfernten, sei ein weiterer erkrankter Zahn sichtbar geworden. So empfahl er mir, vorbeugend auch diesem sein Handwerk zu legen. Was blieb mir schon übrig.

Obgleich die mir auferzwungene Vorstellung den Zuschauern mehr Freude bereitete als mir angenehm war, dachte ich an etwaige neue Schmerzenswochen auf See und sperrte meinen blutenden Mund wieder auf. Der neue Angriff rollte. Auch diesen überstand meine kraftvolle Jugend. Nicht so leicht und einfach, wie ich es hier darstelle. Im allgemeinen geht man ja nicht mit Begeisterung zum Zahnarzt. Immerhin kannte man in jenen Jahren bereits schmerzstillende, nervenbetäubende Mittel, wie auch das Plombieren von schadhaften Zähnen. Ein solches Verlangen von Seiten eines Janmaaten wäre einer Gotteslästerung gleich gekommen. Also raus mit dem Zahn. Diese robuste und einfache Methode der Urzeit erbrachte dem Figaro erneuten Beifall. Siegesbewußt schwenkte er die Trophäe umher und einverleibte sie, wie bereits die vorhergehende, seiner internationalen Jackentaschensammlung. Ohne Beifall für mein Mitspiel an der Vorstellung, verließ ich erleichtert die Arena. Bei allem reklamehaften Getue des Mannes muß ich gestehen, daß er seine Sache gut gemacht hatte und vermutlich Torturen von Seiten des Mediziners vorbeugte. Wie gesagt, außer diese dentalen Meisterleistung ist mir vom Ort und Hafen Caleta Colosa nichts in Erinnerung geblieben. Desto deutlicher aber eine Abwechslung, die glücklicherweise ohne makabere Folgen endete.

Unserem Kapitänsehepaar und drei anderen deutschen Kapitänen war die Eintönigkeit in dieser Wüstenei zu viel geworden. So beschlossen sie auf einige Tage nach Antofagasta zu fahren und zwar mit unserem Rettungsboot. Bemannt wurde das schwerfällige Boot mit zwei Matrosen, die von ihren Kapitän abgeordnet waren, sowie Tedje und meiner Person. Antofagasta dürfte nur als ein vergrößertes Ebenbild von Caleta Colosa angesehen werden. Dahin ging nun unsere große Seefahrt. Der Antriebsmotor zur Überwindung der Strecke von zehn Seemeilen ear unsere achtarmige Muskelkraft. Die stetig laufende Dünung des Pacific und die brennende Sonne sorgten dafür, daß der Schweiß am Körper herunter ran. Schlag auf Schlag durchstöcherten unsere Riemen im Gleichtakt die See, derweil unsere hohen Fahrgäste sich vergnüglich unterhielten.

Frei von ketzerischen Gedanken pullten wir Seemeile bei Seemeile ab und landeten unsere Gebieter im sicheren Hafen von Antofagasta. Dieser – sichere – Hafen hatte schon seine Eigenart, die wir bald erfahren sollten. Zielbewußt strebte unsere Reisegesellschaft dem wohlbekannten Treffpunkt der deutschen Schiffsführer zu. Vorerst wurde mir ein recht ehrenvoller Auftrag erteilt. Frau Peitsmeier wollte sich nicht von ihrer Gesellschaft trennen und so wurde ich mit Pesetas und Erna beglückt, um für diese junge Dame zwei Paar Schuhe zu kaufen. Das eine Paar war auf Vorrat gedacht. Mir war die Abneigung der barfußlaufenden Erna gegen jegliche freiheitshemmende Beschuhung wohlbekannt. Als ich nach langem Suchen ein vertrauenserweckendes Schuhgeschäft aufsuchte, begriff ich ihren hartnäckigen Widerstand, den sie gegen die Anprobe leistete.

Viele Kuriositäten sind seit Noah’s Archenfahrt auf Schiffen vorgefallen.

Zu diesen dürfte jedenfalls der Schuheinkauf eines Janmaaten für die Kapitänstochter erstmalig gewesen sein. Mit diesem Sonderjob betraut kaufte ich mehr auf gut Glück zwei Paar m.E. passende Lackschuhe für meine Schutzbefohlene ein. Letztere und ihre Quälgeister lieferte ich anschließend bei ihren Eltern zu deren Zufriedenheit ab. Das Dicke Ende kam später auf See. Entledigt von dieser Aufgabe, kaufte ich mir ein Maisbrot und schlenderte durch die Elendsgassen und kaum besseren Straßen zum Boot zurück. Eine, am Morgen kaum spürbare Brise hatte sich inzwischen erheblich aufgefrischt und entwickelte sich später zu einem an der Westküste bekannten – Norder -.

Unser Boot begann mit einem Tänzeln. Dann wurden es wilde Bocksprünge, die gegen die nebenliegenden Boote prallten und von diesen gleichartig heimgezahlt wurden. Wir Insassen dieses störrischen Vehikels hatten nur eine Sorge, daß es sich in seiner Wildheit nicht die Rippen brach und in dem sogennaten sichern Hafen ein unrühmliches Ende fand. Stunde um Stunde standen wir am Bootsrand und mühten uns ab, die Knüffe der Nachbarn abzuwehren. Es wurde Abend, es wurde Nacht und am folgenden Tag pustete es unentwegt weiter. Hungrig und todmüde verfluchten wir das Elendsnest, die wohlversorgten Kapitäne, unseren Teufelskahn und die gesamte Umwelt.

Am Nachmittag erhielten wir durch einen Boten Bescheid, daß unsere Reisegesellschaft bei der geringen Aussicht auf baldige Wetterverbesserung beschlossen habe, auf dem Landweg nach Caleta Colosa zurück zu fahren. Uns aber wurde der Schutz des Bootes weiterhin übertragen und befohlen, erst bei Gefahrlosigkeit den Hafen zu verlassen. Da saßen wir nun in unserem hopsenden Untersatz. Hungrig, geldlos, zermürbt und wutentbrannt zwischen ebenso fluchenden Lacheros. Von unserer Obrigkeit verlassen, waren wir nun selbstständige Kommandanten geworden. Schnell wurden wir uns einig, diese Boxerei nicht länger mitzumachen. Also hinaus aus dem Hexenkessel! Auf der Reede lag einer der chilenischen Küstendampfer. Auf diesen Schiffen, so sagte man, seien vielfach Deutsche als Offiziere tätig.

Darauf setzten wir unsere Hoffnung. Wegen der Unmöglichkeit bei dem hohen Seegang Lade- oder Löscharbeiten zu verrichten, wartete man dort auf das Abflauen des Sturmes. Dieses Schiff hatten wir uns als Nothafen zum Ziel gesetzt. Nachdem wir uns von unseren lästigen Nachbarn befreit hatten und längsseite der Mole kamen, erregten wir im wachsenden Maße die Aufmerksamkeit, der zum Müßiggang gezwungenen Hafenarbeiter. Mit Rufen und Gebärden deuteten sie auf den Signalball am Molenende hin, der das Auslaufen drohend verbot. Unser Entschluß stand aber fest.

Wir legten uns in die Riemen. Drei Mann pullten, der vierte steuerte mit dem Riemen. Alles Rufen von Land hinderte uns nicht. Wir passierten das Molenende und vor uns lag der unendliche Pacific. Schon kam die Brandung angerollt. Wir am Riemen sahen sie nicht, wohl aber unsere Steurer. Pult! Pullt ! Pullt! schrie er und schon hob uns die erste Welle steil empor, kaum im Tal faßte uns die zweite und wieder erfolgte die gleiche Höhen- und Sturzfahrt. Noch ein mal schleuderte uns die dritte und letzte See, wie ein Spielball hoch und hinab. Nun hieß es die nächste Wellenserie im tiefen Wasser abzufangen. Obgleich auch diese Wellenreiterei es ernst mit uns meinte, benahm sie sich erheblich zahmer als ihre Vorläufer. Mit außergewöhnlichem Glück waren wir aus dem Höllenkessel heraus gekommen. Heute betrachte ich dieses Unternehmen als die leichtsinnigste Tat meines Berufsleben. Neunzehnjährige sind bedenkenloser.

Vom Dampfer aus hatte man unsere Brandungsfahrt beobachtet. Längsseite gekommen, baten wir um Aufnahme. Nach altem Seemannsbrauch wurde sie uns selbstverständlich gewährt. Ein schwieriges Problem wurde das Bergen des Bootes. Die gesamte Dampfermannschaft stand klar bei den Taljen ihres Rettungsbootes um unser Boot aufzuheisen. In Lee des Schiffes schabberten wir bergauf – bergab und warteten auf unsere Chance, die Taljenblöcke zu erwischen, um sie vorne und hinten gleichzeitig einzupicken. Wir kennen ja alle die Schwierigkeit und Gefahr dieses Unternehmen bei nur kabbeligen Seegang.Endlich hatte man unser Boot mit uns viere Janmaaten Hand über Hand aufgeholt und nach dem Sprung an Deck fühlten wir wieder feste Planken unter unseren Füßen. Dazu eine überaus freundliche Aufnahme von Seiten des deutschsprechenen Kapitäns.

Für unsere ausgehungerten Magen war das dargebrachte Abendessen in der Offiziersmesse wegen seiner Vielseitigkeit und dem hehren Ort unwahrscheinlich. So lebte man also außerhalb des Logis in der Messe. Immerhin ein erfreulicher Anschauungsunterricht für die Zukunft. Man gab uns Schlafdecken und stellte uns die Messe als Schlafplatz zur Verfügung. Schwer begreiflich war es für uns, daß sich Windjammermatrosen an der trostlosen Salpeterküste nahezu als Hotelgäste fühlen konnten. Eine Situation, an die man sich erst gewöhnen mußte. Dafür sorgten sehr schnell unsere todmüden Körper. Draußen wehte es weiter. Volle zwei Tage und Nächte mußten wir die Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Dann beruhigte sich das Wetter. Der Wind flaute ab und nur die langausrollende See erinnerte daran, tagelang ihre Gefangenen gewesen zu sein, wenngleich in den letzten 48 Stunden in einem durchaus annehmbaren Schlupfwinkel.

Dankbar verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern, kletterten in unser Boot, wurden in sein nasses Element hinabgefiert und pullten mit frischen Mut in die Nacht hinein. Es wurde eine harte Nacht. Man hatte schon seine Mühe, in der Dünung seine Riemen zu beherrschen. Als wir in der Morgenfrühe längsseite unserer „Nordsee“ festmachten, klebten unsere hautlosen Handflächen an den Riemen. Wir waren jedenfalls wieder an Bord, die Kapitänsfamilie schon lange und trotz des Kohlendrecks und der Schaufelei wuchs die neue Haut. Bald gehörte die kleine Zwischenreise nach Antofagasta, wie viele Episoden im Seemannsleben, zur Vergangenheit, nicht aber vergessen wurde sie.

Das übliche Rätselraten begann. Wohin sollte die Reise gehen? Erfüllt sich unser Wunsch, mit einer Salpeterladung nach Europa zu segeln? Am 14. Juli wußten wir es. Wir hievten Anker, sangen Shanties, aber nicht für homeward bound, sondern in alter Anhänglichkeit zum dritten Mal nach Australien. Wieder war es Sydney, wo wir Kohle für die Westküste laden sollten. Die „Zufriedenheit“ der Eltern von Erna bei der Rückkehr vom Schuheinkauf in Antofagasta war nicht von langer Dauer. Sie nahm ein jähes Ende. Die Schuhe waren wohl schön, aber zu eng. Kaum auf See, da kletterte Erna in einem unbeobachteten Augenblick in der väterlichen Schlafkammer auf die Sofabank und von diesem erhöhten Standort aus ließ sie nicht nur die eigenen neuen Schuhe, sondern gleichzeitig die erreichbaren ihrer Eltern durch das offenstehende Bullauge außenbords plumpsen. Dieser Selbstschutz soll nicht glimpflich für sie verlaufen sein. Vorteilhaft dagegen für den Schuhwarenhändler in Sydney.

Für uns Vorschiffsgäste war Erna eben die – Dame – an Bord und wir alle fühlten uns als ihr Schutzengel. So war es ein ungesagtes Gebot, in ihrer Gegenwart sämtliche Flüche, die Janmaat graulend in die Wolken stieß, brav in sein Inneres zu versenken. Besonders schwer ist diese Enthaltsamkeit dem alten Schweden geworden, der seiner Zeit in Sydney an Bord gekommen war. Als Gewohnheitsgrauler, wie so viele Skandinavier es trotz bester Stimmung sind, mußte er sich wohl oder Übel in Erna’s Beisein beherrschen. Das Fluchen lernte sie trotzdem und recht erheblich. Nicht in unserer Landessprache, sondern auf englisch und spanisch. Die Schauerleute in Australien und an der Westküste kümmerten sich nicht darum, ob das Kind die Ohren spitze. Auf diese Männer konnten wir weder einen pädagogischen noch handfesten Einfluß ausüben. So eignete Erna sich einen reichen, wenig erbaulichen Wortschatz an, den sie freigiebig in der gleichen Tonart aussprühte, wie sie ihn aufgenommen hatte. Uns Seeleuten brachte sie damit keine Neuigkeiten.

Eine behagliche Reise, bei besten Wetter lag hinter uns, als unsere „Nordsee“ am 24. September nach 72 Seetagen in der Bay von Sydney den alten Ankerplatz aufsuchte. In gleicher Regelmäßigkeit, wie im Vorjahr verlief die Hafenzeit. Mit der inzwischen vertraut gewordenen Kohlenbürde im Raum war es wieder der Schlepper „Port Jackson“, der das Schiff am 14. Oktober 1907 auf den Haken nahm und außerhalb der Felsentore zur Fahrt nach Coquimbo freien Lauf gab.

Zum dritten Mal ging es auf Meilenjagd ‘gen Osten.

Mit der Zuverlässigkeit eines Postdampfers passierten wir wieder nach 10 Tagen die Datumsgrenze, standen allzeit klar zum Segelbergen und liefen ohne Zwischenfälle am 12. November in Coquimbo ein. Eine Reise von 29 Tagen lag hinter uns. Die unterschiedliche Dauer von Segelschiffsreisen dürften unsere verschiedenen Reisen zwischen Australien und Chile kennzeichnen. Für die Ostwestfahrt wurde mehr als die doppelte Zeit benötigt als umgekehrt vom Westen nach Osten. Ein Zufall wollte es, daß mir jetzt, nach 60 Jahren, ein Vergleich von nahezu denselben Zeiten und Distanzen zur Verfügung steht. Es handelt sich um ein seemänisches Meisterwerk, nämlich das Buch:

„Sturmverweht“
William H.S. Jones
Master Mariner

Dieses Buch des englischen Kapitäns schildert echt und Schicksalshaft das Leben an Bord von Segelschiffen, wie es uns alten Fahrensleuten hart und stolz in Erinnerung geblieben ist. Für mich hat das Buch ein besonderes Interesse, da ich zur gleichen Zeit mit der Viermastbark „Pitlochry“ der Reederei F. Laeisz im Herbst 1905 die außergewöhnliche Orkanreihe abwetterte, wie sie bei der Kap Hoorn-Umsegelung der „Britsh Isles“ dargestellt worden ist. Es waren die berüchtigten Wochen, in denen das Vollschiff „Susanne“ 99 Tage zur Hoornumrundung benötigte und eine Gesamtreise von 189 Tagen von Port Talbo nach Caleta Buena hatte.

Segelbezeichnung Vollrigger "Nordsee"
Segelbezeichnung Vollrigger Nordsee

Die „Pitlochry“ hatte Vor- und Großmast, Kreuzbramstenge, Klüverbaum und sämtliche Sturmsegel verloren. Mit viel Glück wurden wir von dem englischen Dampfer „Jumma“ aufgepickt und nach Montevideo geschleppt. Zwischen vielen anderen Havaristen lag dort bereits das Lloydschullschiff „Herzogin Sophie Charlotte“, das gleichfalls an Kap Hoorn entmastet umkehren mußte. Die „British Isles“ schaffte es. Wenngleich unter bitteren menschlichen Verlusten. Der Zufall wollte es, daß ein Jahr später die „Nordsee“ in einem gewissen Zusammenhang mit der „British Isles“ kam. Beide Schiffe machten nahezu gleichartige Reisen zwischen Australien und der Westküste, deren Verlauf nachstehende Übersicht veranschaulicht.

Vergleich der Fahrten zwischen den Kontinenten
 dt. Vollschiff „Nordsee“  engl. Vollschiff „Britsh Isles“ 
 1652 BRTKapitän Ernst Peitsmeier 2287 BRTKapitän James Platt Barker
  TageTage  
Ab Sydney9.11.1906  30.10.1906Ab Newcastle
An Talcahuano7.12.190628343.12.1906An Valparaiso
Ab Talcahuano</td>14.1.1907  22.12.1906Ab Valparaiso
An Newcastle14.3.1907599628.3.1907An Newcastle
Ab Newcastle20.4.1907  29.4.1907Ab Newcastle
An Caleta Colosa27.5.1907375624.6.1907An Mejillones
Ab Caleta Colosa14.07.1907    
An Sydney24.09.190772  
Ab Sydney14.10.1907    
An Coquimbo12.11.190729   
Hamburger Fremdenblatt Abendausgabe über die "Nordsee"
Hamburger Fremdenblatt Abendausgabe

Dieser Hafen liegt kaum mehr als 50 Seemeilen nördlicher als Caleta Colosa, unserem Bestimmungshafen. Um 19 Tage war somit die „Nordsee“ schneller als die „Britsh Isles“. In ferner Vergangenheit liegen diese Reisen. Kein Segler durchkämpfte mehr diese südlichen Breiten mit ihren schweren Stürmen und hohem Seegang, die so viel Unheil angerichtet haben und ebensowenig schlängelt es sich angenehm durch die Passate.

So kennt man auch nicht mehr die Sorgen eines Segelschiffskapitäns, daß ein Rivale auf gleicher Route und gleichen Abfahrtsdaten günstiger abgeschnitten haben könnte als er mit seinem Schiff. In solchem Falle galt dem Lotsen, bzw. dem Schlepperkapitän eine der ersten Auskünfte, die Frage nach dem Verbleib des betreffenden Konkurrenten. Recht freundlich erscheint es, wenn man sich so eindringliche nach dem Ergehen eines Kollegen erkundigt, sofern nicht ein recht hintergründiges Wunschbild hierfür den Anlaß gibt.

Wie bei modernen Sportsleuten ging es um die Ehre, den Ruhm und das Ansehen. War man der Sieger, dann wünschte man dem minder Begünstigten eine Heile Ankunft, möglichst mit ein paar weiteren Seetagen. Mit dem ehrenvollen Dippen der Flagge wurde sein Einlaufen begrüßt. Wir „Lüd“ im Vorschiff waren in dieser Hinsicht der gleichen Erhabenheit verfallen, wie die stolzen Achtergäste. Wehe aber, war man der Unterlegene oder gar gegen mehrere Mittsegler! Ohne besondere Feinfühligkeit war die Stimmung das Alten im Umkreis des Achterdecks erkennbar. Am Stammtisch der Kapitäne in den Häfen der Westküste wird wohl manches Rededuell über ihre Reisen gleichermaßen stattgefunden haben, wie bei uns an der Back im Logis.

Die „Nordsee“, schlank gebaut wie eine Yacht, brauchte keinen Gegner zu fürchten. Unsere Hoffnung, es einmal mit der „Preußen“, dem damals schnellsten Segler, aufnehmen zu können, erfüllte sich nicht. Unsere Miniaturausgabe zu diesem Giganten wäre sicher nicht der Lächerlichkeit anheim gefallen.

Coquimbo, ebenso wie Talcahuano im fruchtbaren Mittelchile gelegen, war für Seeleute ein angenehmer Hafenort. Im gleichen Stil, wie Talcahuano, verbrachten wir die Hafenzeit mit harter Tagesarbeit und frohem Wochenende. Das Schiff wurde leer. Dann kam die ersehnte Order der Reederei aus Hamburg. Eine dritte Ballastreise und zwar nach Portland / Oregon. Von dort hieß es, mit Weizen nach Europa. Wenn auch nicht direkt, so winkte immerhin die Heimat.

Abmusterung von der "Nordsee" mit Heimreise nach Hause

Am 17. Dezember 1907 liefen wir aus. Beide Passaten und im allgemeinen gutes Wetter sorgte für eine zufriedene Stimmung, vielfach erheitert durch das Kapitänstöchterlein. Aus dem Tönninger Baby war eine seefeste, auf kräftigen Beinen stehende Erna geworden. der beliebte Schützling im Vorschiff. Der Segelmacher hatte ihr aus leichtem Segeltuch eine Knabenhose genäht. Nur mit dieser und einem Hemd bekleidet, lief sie barfüßig auf dem Deck umher. Die Hände in den Taschen, uns Jantjes nachgeahmt, eine übergroße Offiziersmütze in den Nacken geschoben und zuweilen eine leere Tabackspfeife im Mund, folgte sie dem Ersten bei dem von Janmaat so geliebten abendlichen Stritschen und wiederholte jeden gegebenen Befehl. Vergaß er mehr oder minder bewußt ein Fall der eine Brasse, dann konnten wir sicher sein, daß der kleine Antreiber mit ihrer Kinderstimme – Bramfall noch ein Pull! – oder sonstige Unterlassung über Deck schrie. Wie sein kleiner Hilfsmann freute sich natürlich der Erste diebisch über ihr Kommando, das uns zusätzliche Muskelarbeit bescherte. Unsere drohenden Fäuste beeindruckten sie nicht. Zu gut war sie sich ihrer weiblichen Macht uns gegenüber bewußt. Sowohl für sie, wie für uns war es selbstverständlich, daß sie zwischen uns war, wenn wir in der Freizeit auf dem Großlukenrand saßen und begleitet von unseren Musikanten den bordsüblichen Liederschatz absangen.

Weihnachten 1907. Zum 2. Mal feierten wir das Fest auf unserer, uns so vertraut gewordenen „Nordsee“. In diesem Jahr aber nicht mit verbranntem Hammelkohl im Hafen, sondern laut Besteck auf 19° südl. Breite und 90° west. Länge mit dem üblichen sonntäglichen Windjammeressen ohne brenzlichen Beigeschmack. Wie auf vielen deutschen Segelschiffen versuchten auch wir, mit ein paar strahlenden Kerzen auf dem nadelfreien Tannenersatz eine leise Wehmut zu verwischen. Zur „Bescherung“ hatte wir die Kapitänsfamilie eingeladen. Nicht frei von dem Hintergedanken, daß die Großzügigkeit unseres Alten sich bewähren würde. Hierin täuschten wir uns nicht. Nachdem er mit einem „Fröhlichen Weihnachten“ eine Kiste mit Zigarren und einer Rumbuddel gelandet hatte, kam ich dem Auftrag meiner Macker nach, „unser Geschenk“ mit einer Ansprache zu überreichen. Sehr weit kam ich mit meiner Rede nicht. Kaum war ich über unseren Weihnachtsglückwunsch hinaus und überreichte Frau Peitsmeier unser sorgsam gehütetes Geschenk, da donnerte ihr Ehemann los: „Verdammte Kerls, dat hebt ji ut de Lodung klaut!“ Recht hatte er insofern, daß dieses wunderbare Kaffeeservice aus der Stückgutladung stammte, die wir dereinst von Tönning nach Australien brachten.

Jantjes klauen aber nicht,

höchstens besorgen sie sich etwas aus „ihrer Ladung“. Als sich die aufwallende Reaktion des verantwortungsbewußten Schiffsführers gelegt hatte, konnte ich fortfahren und ihm unseren Edelsinn auseinandersetzen. Tatsächlich war das Service beim Aufklaren der Laderäume hinter Schweißlatten verborgen von einem Matrosen entdeckt. Es war naheliegend, daß es von Schauerleuten versteckt wurde, um es bei passender Gelegenheit an Land zu bringen. In Anbetracht unseres Schmugglerleumundes und entsprechender zöllnerischen Aufmerksamkeit hatte sich vermutlich keine Chance hierfür geboten. Außerdem besaß ein Solch’ zerbrechliches Gebilde schwerlich einen besonderen Anziehungswunsch für Logisbewohner.

Jedenfalls sei uns bekannt, daß Erna im Laufe der Zeit allerlei Tassen zerdeppert habe. So wären wir überein gekommen, mit dem sorgsam gehegten Fund der Kapitänsfamilie aus der Verlegenheit zu helfen. Was blieb unserem wackeren Alten schon übrig als verstohlen zu schmuzeln, zumal seine Gattin bereits hocherfreut unser Angebinde dankend einkassiert hatte. In Frieden mit uns gingen die Achtergäste zur eigenen Feier in ihr Reich zurück. Bei den Fahrten mit Kohlen und Ballast war eine etwaige „Besorgung“ von Ladungsgut sowieso ausgeschlossen und unseres Erachtens verjährt. Das „Besorgen“ aus dem Schiffseigentum ruht moralisch und juristisch unserer Meinung nach auf festere Begriffe. Nicht einmal als Mundraub sahen wir einen Angriff auf kulinarischen Genuß an. Vielmehr als ein traditionsfrohes Kampfspiel zwischen dem Speckschneider und Janmaat.

Mit diesem „Besorgen“ aus dem Schiffseigentum kam ich allerdings eines Tages in schwere Bedrängnis. Im Proviantraum hatte ich die Gelegenheit benutzt mir fünf Matjesheringe aus dem Faß zu angeln. In Ermangelung von Verpackungsgut steckte ich die triefenden Fische kurz entschlossen in meine Hosentasche. Meine böse Tat mußte wohl beobachtet worden sein. Anders konnte ich es mir nicht erklären, daß ich bei meinem Auftauchen aus der Proviantluke vom Kapitän den Befehl erhalten habe, den Rudersmann abzulösen. Ein absonderlicher Vorfall, da weder mein Rudertörn war, noch daß er sich persönlich mit der Arbeitsverteilung befaßte. Da stand ich nun Stunde um Stunde unter der heissen Äquatorsonne am Ruder, nur mit Hemd und Hose bekleidet. Unaufhaltbar rieselte die Heringslauge an meinem Bein herunter und verkrustete sich. Immer wärmer und ausgedörrter wurde mein kostbarer, körpernahe Besitz. Als ich dann nach der Wachablösung in’s Logis kam und die Fünflinge aus der Hosentasche zauberte, wurde sie trotz ihrer düsteren Herkunft und Verschrumpfung wonniglich von uns verzehrt.

In den ersten Februartagen fischte uns ein Schlepper vor Astoria auf und taute uns nach Portland. Die Notiz von dem Datum des Ankunftstages ist mir verloren gegangen. Neuzehn Monate waren wir nun unterwegs. Wir hatte auf – unbestimmte Zeit – angemustert. Dementsprechend hatten wir das Recht, sofern das Schiff nicht nach einem europäischen Hafen bestimmt war, nach achtzehn Monaten abzumustern. Die mit Spannung erwartete Order aus Hamburg hieß „Calloa / Peru“. Also wieder nichts von rolling home. Das Backsgespräch ging mächtig hoch. Wohl wollten wir an Bord bleiben. Nicht aber für die schäbige Heuer von 60,- Reichsmark im Monat. Jeder Hobo, der auf einem Tiefseesegler hier oben an der nordamerikanischen Westküste freiwillig anmusterte oder vershanghait wurde, bekam eine Matrosenheuer von monatlich 25 Dollar. Also gute 105,- Reichsmark. Diese Angebot machten wir unserem Kapitän. Geld gibt bekanntlich in den besten Kreisen Anlaß zum Familienkrach. Warum sollte es nicht auf unserem Familienschiff die gleiche Macht ausüben.

Als Verfechter unseres Rechts hatte man Karl Koch, Richard Vorkamp und mich auserkoren und in die, zur Löwenhöhle gewordene, Kajüte geschickt. Das gleiche Dreigespann also, das dereinst in Geloong auf vermeintlicher Liebesfahrt schmälich enttäuscht wurde. Hier standen wir aber nicht vor der besorgten Retterin unseres Seelenheils, sondern vor unserem störrisch gewordenen Kapitän. Kategorisch lehnte er eine Heuererhöhung, wie auch die Abmusterung ab. Bei allem Respekt vor unserem Alten beharrten wir auf unseren Standpunkt und so fielen wir – drei Hamburger -, wie er uns nannte, bei ihm in Ungnade. Von uns – drei Hamburgern – war Richard Vorkamp allerdings ein waschechter Lübecker, der bereits auf der „Charlotte“ eine Australienfahrt mit ihm gemacht hatte. Als wir dann nach gewohnter Weise um fünf Dollar Vorschuß zum Landgang baten, lachte er uns aus und erklärte uns, daß wir weitaus mehr erhalten hätten als uns gesetzlich zustände. Damit hatte er recht.

Da standen wir nun, ohne einen Cent in der Tasche. Dazu an einem Sonnabend in einem Hafen mit lachendem Landglück. Janmaaten der damaligen Zeit wußten sich aber zu helfen. Wozu gab es in diesen Häfen hier oben die geschäftstüchtigen Ausrüstungshändler, die ihre Runner an Bord schickten, um uns ihre Waren aufzuschwatzen? Bezahlt wurden sie von den Kapitänen aus dem Heuerguthaben der etwaigen Käufer. Also hin zu diesen Halsabschneidern! Um fünf Dollar Bargeld zu erhalten, mußte man schon einen größeren Einkauf tätigen. So kauften wir drei jeder einen modernen Mantel und einen breitrandigen Texashut. Natürlich war diese Handelsmethode ein glattes, einträgliches Geschäft für den Verkäufer und, wie Janmaat lästerte, ebenso für den Kapitän. Uns war es jedenfalls gleich. Wir hatten für den Abend unsere Bewegungsfreiheit. So ausstaffiert wanderten wir drei am Montag zum Konsulat, um unser Recht durchzusetzen. Lachend hatte der Kapitän den Urlaub zu diesem Gang bewilligt. Zu befürchten hatte er wenig, denn sein ständiger Gast an Bord war eben der Herr Konsul.

Warum sollte dieser wohl den ihrer Einfalt aufsässigen Janmaaten helfen. Auch hierin hatte er recht. Wo fand man in jenen Zeiten einen deutschen Konsul, zu dem ein Seemann Vertrauen haben konnte. In keinem Matrosenlogis hörte man je ein Lob über diese Herren, unter deren Schutz angeblich jeder Deutsche im Ausland steht. Frei von aller Kenntnis des Bordleben, kümmerten sie sich nicht um das Ergehen der Besatzung. Uns Nordsee-Leute war die Margarinesorte in Erinnerung geblieben, die der Konsul in Newcastle als tüchtiger Kaufmann geliefert hatte. Wir bezeichneten sie als Stengenschmiere. Sie war so ungenießbar, daß wir lieber unser Hartbrot trocken gegessen haben. Erst auf unsere Beschwerde bei dem Kapitän erfuhr er von diesem üblen Geschäftstrick. Helfen konnte er in diesem Fall auch nicht. Anstatt anrüchige Konsulatenmargarine zu kaufen, beschaffte er im nächsten Hafen Marmelade. Ungeöffnet flogen ein paar Dutzend Dosen über Bord. Nun standen wir – drei Hamburger – vor einer Persönlichkeit, die sofort erkennen ließ, daß ihre Parteinahme für den Kapitän festgelegt war.

So entwickelte sich dann auch unsere Auseinandersetzung.

Uns war bekannt, daß der planmäßige Konsul sich im Urlaub befand und wir seinen Vertreter vor uns hatten. Dieser, kaum dreißigjährige Mann war wegen eines Unfalls in Portland von einem Schiff zurück geblieben und auf dem Konsulat gelandet. Durch sein körperliches Mißgeschick war er dann zu dem Amt und den Würden eines stellvertretenden Konsuls gekommen. Von dieser hohen Warte aus ließ er uns wissen, daß er ausnahmsweise diese Verhandlung persönlich leite, da er annehme, daß wir keine gewöhnlichen Matrosen wären. Schnellsten befreiten wir ihn von dieser Meinung. Ausgerechnet von diesem überheblichen Mann eine persönliche Bewertung zu hören, war für unsere Matrosenseelen geradezu eine Beleidigung. So mußte er es hinnehmen, daß wir ihn eindeutig davon überzeugten, echte Janmaaten zu sein. Sich als Jurist ausgebend, erklärte er uns, daß uns die juristischen Kenntnisse zur Beurteilung der Rechtslage fehlen und eine Abmusterung ausgeschlossen sei. Wie zu erwarten war, zogen wir als Verlierer ab.

Keinesfalls war unsere Unternehmungslust damit gebrochen. Mit Begeisterung wurde von alle der Vorschlag aufgenommen, einen Rechtsanwalt einzuschalten. Nun suchten wir einen Konsulgegner, der mehr Macht und Einfluß besaß als wir Janmaaten. Ein waschechter Yankee-Lawyer fand sich sofort bereit, für 10% unserer Abrechnung unsere Angelegenheit zu vertreten. Nur mit Mühe konnten wir ihn veranlassen, den bereits bestellten Commissioner of the United States davon zurück zu halten, das Schiff an die Kette zu legen. Was nun? Eile tat Not. Das Schiff war nahezu voll und der Abfahrtstag kam immer näher. Der Advokat kam unserem Rat nach und setzte sich mit der deutschen Gesandschaft in Washington in Verbindung um dort unser Recht zu verlangen.

Natürlich hatte die Schiffsleitung von unserem Fiasco auf dem Konsulat Bericht erhalten und war der Meinung, daß wir uns mit unserem Schicksal abgefunden hätten und daß das gewohnte Bordleben beruhigt weiter gehen würde. Verständlich war daher die Überraschung unseres Ersten als er einige Tage später die telefonische Nachricht vom Konsul erhielt, uns drei Ankläger sofort zu ihm zu schicken und die Abmusterung der Mannschaft für den nächsten Tag vorzubereiten. Eigenartig – auf dem Konsulat stand nun der gleiche Mann vor uns, der uns erst vor Wochenfrist eine brüske Abfuhr erteilt hatte. Dahin war alle Selbstherrlichkeit.

„Meine Herren, was haben Sie mir angetan. Sie haben sich einen amerikanischen Anwalt genommen. Aus Washington bekomme ich Vorwürfe. Wären Sie doch nochmals zu mir gekommen. Ich hätte alles geregelt. Nun sollen Sie morgen abmustern.“ Plötzlich waren wir Herren geworden. Als solcher konnte ich es mir nicht versagen, ihm höflichst unsere Erstbegegnung in Erinnerung zu bringen.

Unseren Anwalt hätten wir genommen, da er nicht gewohnt sei, mit gewöhnlichen Matrosen zu verhandeln. Diese Zumutung wollten wir ihm ersparen. Dankbar seien wir ihm insbesondere für die Belehrung über unsere mangelnden juristischen Kenntnisse. Da weder er, der Herr stellvertretende Konsul, noch wir Matrosen Rechtsgelehrte seien, hätten wir, eingedenk seines Hinweises, einen solchen eingeschaltet. Den Erfolg habe er nun vor Augen. Damit verabschiedeten wir uns von dieser Stätte der Gerechtigkeit.

Unsere Kapitänsfamilie befand sich zur Zeit im Seebad Astoria. So stand unser Erster auf einsamen und verzwicktem Posten. Ohne Zustimmung des Kapitäns mußte er die Beendigung des Heuervertrages vornehmen. Vergeblich warteten wir allerdings am Abend auf die übliche Art der Dienstbeendigung auf Segelschiffen durch den Ausruf: „De Mond is good!“ Am nächsten Morgen, den 13. Februar 1908, musterten wir nach einer Dienstzeit von 19 Monaten und 17 Tagen ab.

Dienstzeugnis Ernst Voß
Dienstzeugnis Ernst Voß

Neben uns stand unser Advokat und sorgte dafür, daß von jeder Abrechnung die vereinbarten 10% in seine Tasche wanderten. Es war schon ein gutes Geschäft für den smarten Amerikaner. Ich erhielt vier 20 Dollargeldstücke als Restbetrag für die gesamte Bordzeit und stand nun als freier Mann in Gods own Country.

Kaum war die Abmusterung beendigt, erschien der telegrafisch benachrichtige Kapitän. Zu spät kam sein Protest und ebenso ein Telegramm aus Washington, die Abmusterung zu stoppen. Welcher Kampf sich hinter den Kulissen per Draht zwischen dem Hamburger Reeder, Portland und Washington abgespielt hat, blieb uns verborgen. An einer gewissen Einigkeit fehlte es sicher nicht, der wir am Ende noch unterlegen wären. In späteren Jahren sagte Kapitän Peitsmeier meinem Freund Ernst Voß und auch mir, auf Anweisung der Reederei hätte er unsere Forderungen ablehnen müssen.

Das Schiff ging mit einer neuen, unzuverlässigen Mannschaft nach Peru in See.

Wohl oder Übel erhielten diese Leute die uns verweigerten 25 Dollar als Monatsheuer. Bereits im ersten Hafen verließ eine größere Anzahl das Schiff. Erneut mußte eine Ersatzmannschaft angemustert werden. Mit dieser segelte die „Nordsee“ zu einer peruanischen Insel, wurde dort mit Guano beladen und trat dann die Heimreise nach Hamburg an. Auf der Heimreise kam eine Bramstenge von oben. Der beste Matrose, ein deutscher, der erst in Australien an Bord gekommen war und kein Recht auf Abmusterung in Portland hatte, stürzte tödlich ab.

Nach Kapitän Peitsmeier Meinung wäre dieses doppelte Mißgeschick mit seiner alten Crew nicht passiert. Jedenfalls sind der Reederei erheblich höhere Unkosten erwachsen als unsere Heuererhöhung betragen hätte. Die „Nordsee“ wechselte noch mehrfach die Flagge. Begegnet bin ich ihr nicht wieder. Und die alten Kameraden? Noch ein Händedruck vor dem Konsulat und sie zogen, jeder für sich, fernen Zielen zu. Vom Aufstieg einzelner hörte ich, mehr noch von der Tragik mir besonders Nahestehenden, die bereits in jungen Jahren ihr Leben hingeben mußten. Wir – drei Hamburger – quatierten uns im „Hotel Stadt Hamburg“ ein. Verlebten dort ein paar fröhliche Wochen und wurden dann Mitglieder der „Sailor’s Union of the Pacific“ und verdienten auf Küstenschonern 45 Dollar monatlich und 50 Cent für die Überstunde. Dazu eine erstklassige Beköstigung.Mehr als 60 Jahre sind seit den Fahrten auf der „Nordsee“ vergangen. Mit unserem damaligen I. Offizier und jetzigen Amicale-Kameraden, Kapitän Paul Steindorff stehe ich in laufender, freundschaftlicher Verbindung. Nach einer langen Seefahrtszeit verbringt er seinen Lebensabend in seiner traditionsreichen Heimat Elsfleth a. d. Weser. Vielfach gehen unsere Gedanken gemeinsam zu unserer alten „Nordsee“ und der an Bord herrschenden Eintracht in bester Gesinnung auf großer Fahrt zu einer stolzen Vergangenheit der Windjammer.