Ostseefahrt

Eine Reisegeschichte die von einem bayerischem Geistlichen erzählt wird.

Der Reisebericht ist eine Abschrift aus dem Kronacher Tagblatt „Fränkische Presse“ von 1927, die der Gemeinde in Wustrow zur Verfügung gestellt wurde. Die Urheberrechte liegen beim Kronacher Tagblatt.

In diesem Bericht wird über die Traditionen auf dem Fischland Bezug genommen sowie werden auch die Schiffer / Seeleute erwähnt.

Kapitel

Am Stillen Herd
Wöchentliche Unterhaltungsbeilage zur Fränkischen Presse (Kronach Tagblatt) Auszug

Erinnerungen und Erlebnisse auf einer Ostseefahrt
Vom 11. – 17. Juni 1927
Von einem katholischen Geistlichen H.D.R.

 

Anreise von Bayern nach Wustrow

Es ist eine dankbarste zu begrüßende Einrichtung der deutschen Reichsbahngesellschaft von Zeit zu Zeit Feriensonderzügen Angehörige eines Bundesstaates zu sammeln und sie durch das schnell dahinsausende Dampfroß nach einem anderen deutschen Bundesstaat zu befördern. Diese Landes-Sonderzüge haben einen zweifachen sehr idealen Zweck. Einerseits lernen sich die Angehörigen des Bundesstaates, von dem der Zug ausgeht, besser kennen, schätzen, sie sehen auch viele Städte, Flüsse, Berge, Täler, Kunst- und Baudenkmäler ihrer engeren Heimat.

Auf der anderen Seite schauen sie bei der Durchfahrt viele Naturschönheiten, herrliche Gegenden und volkreichen Städte unseres weiteren deutschen Bayernlandes und lernen näher und besser kennen Land und Leute des Bundesstaates und der Gegend, welche der Sonderzug sich zum Zielpunkt gewählt hat. Durch solche Landessonderzüge werden die Deutschen einander näher gebracht und es wird in den Teilnehmern Liebe und Freunde am engeren und weiteren deutschen Vaterlandes geweckt.

So wurde auch von der Reichsbahndirektion München ein Verwaltungs-Sonderzug ausgeschrieben, der am 11. Juni in München abging, über Augsburg, Nürnberg, Bamberg, Lichtenfeld, Saalfeld, Leipzig, Magdeburg, Stendal, Wittenberge, Schwerin, Bad Kleinen, Bützow, Rostock und Ribnitz fuhr, die Passagiere dann mit verschiedenen Dampfern über den Saaler Bodden hinüber schiffte nach dem Zielorte dieser Sonderfahrt, nach dem Ostseebad Wustrow.

Auf der Hinfahrt wurde ein längerer Aufenthalt gemacht in Leipzig, wo wir vom Bayernvereine am Bahnhof mit den Klängen der Musik freundlichst begrüßt, durch die Straßen Leipzigs geleitet und hingeführt wurden zum Maltheser, wo sich unsere Landleute zahlreich versammelten und unter Musik und schönen Reden die Zeit verkürzt wurde. Viele unserer Fahrgäste besichtigten das Völkerschlachtdenkmal und andere Sehenswürdigkeiten der Stadt Leipzig.

Stippvisite in der Hansestadt Rostock

Einen dreistündigen Aufenthalt nahmen wir dann in der alten Hanse und Universitätsstadt Rostock, wo wir mit der Elektrischen langsam durch die Straßen Rostocks fuhren und von den Führern auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam gemacht wurden. Rostock zählt zirka 50.000 Einwohner, darunter 2.000 Katholiken. Herrliche Kirchen überragen das Stadtbild, die bedeutendste davon, die Marienkirche, die Klosterkirche, die St. Peters und St. Nikolauskirche erinnern noch an die katholische Vergangenheit der Stadt Rostock und überhaupt des Landes Mecklenburg, das bei unglücklichen Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert ein Opfer der Reformation geworden ist.

Mecklenburg ist heute fast protestantisch und gehört der evangelisch-lutherischen Konfession an. Die Pastoren und das Volk sind noch streng gläubig und hängen fest an dem Glauben der Reformation. Die Katholiken und alles katholische sind ihnen zuwider und am liebsten wäre es ihnen, wenn keine katholische Seelsorgstelle dort wäre. Früher, vor der Revolution war Mecklenburg das Land der krassesten Intoleranz gegenüber den Katholiken. Keine katholische Kirche durfte gebaut werden und die Betsäle der Katholiken durften äußerlich kein Symbol eines katholischen Gotteshauses tragen. Nur mit vieler Mühe und nach den härtesten Kämpfen gelang es dem überaus eifrigen, 25 Jahre dort wirkenden kathol. Pfarrer der Stadt Rostock eine herrlich, geräumige katholische Kirche zu bauen. Nach der Revolution haben auch in dem ehemals katholikenfeindlichen Land Mecklenburg die Katholiken freie Relegionsübung, dürfen Kirchen bauen, Seelsorgerstellen errichten und auch in ganz Protestant. Städten und Badeorten für die anwesenden Katholiken Gottesdienste abhalten. Sogar eine Fronleichnamsprozession auf dem freien Platz um die katholische Kirche herum dürfen die Katholiken Rostocks veranstalten, haben also dasselbe Recht das im katholischen Bayern die intolerante, katholikenfeindliche Kreishauptstadt von Oberfranken, Bayreuth, ihren katholischen Mitbürgern noch einräumt.

Da am Tage unserer Ankunft das Dreifaltigkeitsfest gefeiert wurde, durfte ich mit Erlaubnis des Pfarrers in Rostock in der kathol. Kirche die Frühmesse um 1/2 7 Uhr abhalten, in der die Schwestern und noch andere Gläubige die hl. Kommunion empfingen. Die Frühmesse und das um 8 Uhr abgehaltenen Hochamt, in dem der alte anheimelnde Messgesang: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschaar“ gesungen wurde, waren verhältnismäßig eher gut besucht. Die Kirchenbesucher legten eine sehr andächtige Haltung an den Tag. Besonders wunderte mich die rege und andächtige Anteilnahme der Männerwelt an dem Gottesdienste und der andächtige Gesang. Leider konnten von unseren katholischen Mitreisenden nur vereinzelte am Dreifaltigkeitsfeste ihre Christenpflicht erfüllen, da im Reiseprogramm ein Gottesdienstbesuch nicht vorgesehen war und die die wenigsten Katholiken wußten, daß und wo eine katholische Kirche war. In einer längeren Unterredung mit dem Küster erfuhr ich, daß die katholiken Rostocks und der näheren Umgebung im Großen und Ganzen ihrem kathol. Glauben und ihrer Kirche treu ergeben sind und fest zusammenhalten; beklagenswert sind dort die vielen Mischehen, die aber meistens nach den Grundsätzen der katholischen Kirche abgeschlossen werden mit katholischer Trauung und katholischer Kindererziehung.

Zur Zeit werden die Katholiken der weidausgedehnten mecklenburgischen, zu den nordischen Missionen gehörenden Diaspora von 15 kathol. Seelsorgerstellen aus unter den schwierigsten Verhältnissen mit der Seelsorge betraut. Ein Katholik, der als Arbeiter oder als Dienstbote oder als Angestellter oder als Beamter in dieser Riesendiaspora kommt, ist für die katholische Kirche sicher verloren, wenn er nicht ganz fest im katholischen Glauben und nicht gründlich in seiner hl. Religion unterrichtet ist. Was das Verhältnis zwischen Kirche und Schule in Mecklenburg anlangt, so sind Kirchendienst und Schuldienst noch organisch verbunden; also der Lehrerin an einem Pfarramt zugleich noch Mesner und Organist und bekommt als solcher nur eine geringe Funktionszulage. Allerdings ist man daran, dieses Verhältnis zu lösen, wie es bei uns in Bayern und anderen deutschen Ländern schon nach der Revolution geschehen ist. Aber als großes Hindernis erweist sich die Armut der protestantischen Kirche in Mecklenburg, die durch die Inflation und durch frühere Abtretung von Kirchengütern an den Staat großen Schaden erlitten hat.

Bevor wir Rostock verlassen, muß ich noch erwähnen das alte Rathaus mit seinen 7 Türmen, das am Markplatz steht und von allen 7 Straßen, die am Marktplatz einmünden, gesehen werden kann. Diese 7 Türme sollen erinnern an die ehem. 7 Ratsherren der Stadt Rostock. Von den noch erhaltenen ist das schönste das prächtige Kröpeliner Tor. – Morgens um 9 Uhr fuhr unser Sonderzug nach 3 stündigen Aufenthalt in Rostock weiter nach Ribnitz am Südrande des Saaler Boddens. Ribnitz war, wie Überreste der alten Mauern und ein massives Tor noch andeutet, früher eine Festung. Von Ribnitz aus fuhren wir in 3 Dampfern, dem Ziele unserer Fahrt, unter den Klängen der Reichskapelle Rostock. Während der Bahn- und Dampferfahrt und auf allen Aufenthaltsplätzen herrschte ein fideles, echt bayrisches gemütliches Leben und Treiben.

Ankunft in Wustrow

In Wustrow angekommen wurden wir mit ungeheurer Schnelligkeit unsere Quartiere und Kostplätze angewiesen. Um es gleich im Voraus zu bemerken, wir alle wurden sehr gut verpflegt, reichlich verköstigt und hatten schöne Quartiere. Die Bewohner von Wustrow, die Badeverwaltung und der Fremdenverkehrsverein haben alles Mögliche aufgeboten, um uns den 6 tägigen Aufenthalt in Wustrow möglichst angenehm zu gestalten. Vergnügungen alle Art, historische Veranstaltungen und Festzüge erquickten Auge und Ohr. Während des Tages konnten wir uns an der Strandmusik ergötzen und des Abends bis morgens früh lud die Tanzmusik die fröhlichen Tänzer und Tänzerinnen zu einem gemütlichen Tänzchen ein.

Soweit ich die Vergnügungen beobachtet habe und beobachten konnte, ging es heiter und fröhlich, echt bayrisch gemütlich zu. Unangenehme Zwischenfälle sind keine zu verzeichnen. Alles geschah mit Anstand. Die Bayern und die Mecklenburger haben sich sehr gut miteinander vertragen. Der sehnlichste Wunsch der Mecklenburger Damen u. Herren war es, mit bayrischen Damen und Herren tanzen zu dürfen. Großen Reiz boten für uns Bayern die See und das Meer und das Strandleben. Die einen saßen am Strand auf den Bänken, andere in den Strandkörben, wieder andere lagen im Sand oder Gras, um die viel bewegte See, die wie weiße Schäfchen; heran eilenden Wellen, die oft brandenden Wogen, und das muntere Treiben in und auf der See zu beobachten.

Wieder andere fuhren in kleinen Segel- oder Motorbooten hinaus auf die Seehund andere endlich nahmen Seebäder und zeigten ihre Schwimmkunst. Während der Badesaison ist das Strandleben immer ein sehr lebhaftes und heiteres. Allerdings zeigen sich auch große Schattenseiten in sittlicher Beziehung, indem es ziemlich frei hergeht. Knaben und Mädchen, Damen und Herren stolzieren ungeniert im Badekostüm umher und nehmen gemeinsame Bäder, wenn ja gewiß betont werden muß, daß im Großen und Ganzen die Badekostüme sehr dezent waren, ja oft viel anständiger waren, als die ausgeschnittenen und durchsichtigen Kostüme mancher Modedamen.

Von Wustrow aus wurden mehrere Dampferfahrten über den Saaler Bodden unternommen nach Ribnitz, Bad Born, und einmal von Warnemünde aus eine 4 stündige Fahrt auf der Ostsee bis zum Feuerschiff hinein in die dänischen Gewässer. Warnemünde ist ein ganz moderner Badeort mit schönen Gebäuden, breiten Straßen, einem großen Hafen, einem herrlichen Strand und einer 500m langen Landungsbrücke. Es zählt 12.000 Einwohner und ist eigentlich die Hafenstadt von Rostock, welches auch die Verwaltung über Warnemünde hat.

Hier in Warnemünde werden Eisenbahnzüge auf den mächtigen Dampffähren über das Meer nach Geiser zur den. Küste gefahren. Das Feuerschiff, von dem ich oben geschrieben habe, ist ein großer Seedampfer, der weiß:rot gestrichen, bei der Nacht beleuchtet und festgeackert ist an einer Sandbank die bloß 15m unter dem Meeresspiegel liegt. Diese Feuerschiffe haben den Zweck, die großen Handelsdampfer und Ozeanschiffe zu warnen, diese Stelle, die für sie gefährlich ist zu befahren.

Während unseres Aufenthaltes in Wustrow waren besonders zwei Vorführungen interessant:

Traditionen auf dem Fischland

    1. Das Tonnenreiten. Schmucke Bauernburschen ritten auf schön geschmückten Pferden durch den Ort hin zu einer Stelle, wo zwischen zwei Bäumen eine große Tonne aufgehängt war. Die Burschen trugen in ihren Händen hölzerne Stäbe und stießen und schlugen dann solange auf die Tonne, bis sie gänzlich zertrümmert war. Wer nun die letzte Daube oder Stäbe der Tonne herunterschlug, wurde zum Dauben oder Stäbenkönig und wer den letzten Rest der Tonne herunterschlug, wurde zum Tonnenkönig gefeiert und es wurde ihm königliche Ehren erwiesen, indem er feierlich durch Wustrow geleitet wurde. Diese Vorführung hat einen historischen Hintergrund. Nach einem verlorenen Krieg mußten die Bewohner Wustrows und des sogen. Fischlandes mehrere Tonnen Fische als Kriegstribut an die Schweden abliefern. Dies geschah natürlich sehr ungern. Die Bewohner des Fischlandes protestierten gegen diese Fischlieferung lange Zeit vergebens. Endlich hörte man doch auf ihren Protest und es kam gerade, als sie mit den Tonnen Fischen auf dem Weg nach Schweden waren, die freudige Nachricht, daß ihnen der Tribut erlassen sei. Voll Freude kehrten sie zurück, hängten die Tonne Fische zwei Bäumen auf und schlugen solange auf die Tonne, bis sie gänzlich zerstört war. Mit den Fischen düngten sie alsdann ihre Felder.

    2. Eine 2. interessante Vorführung war die Rettung Schiffbrüchiger aus Seenot mit Rettungsboot vom sinkenden Schiff mit Raketenapparat.

    3. Außer diesen Vorführungen wurde noch Preisschießen und ein Trachtenzug veranstaltet.

Nun auch einige Worte über den Ostseebadeort Wustrow selbst. Swante Wustrow, eine alte slawische Ansiedlung heißt auf deutsch heilige Insel. An der Stelle, wo die heutige protestantische Kirche steht, soll früher der höchste Slavengott einen Tempel gehabt haben. Als die Slaven christlich wurden, wurde an dieser Stelle eine katholische Kirche erbaut zu Ehren des hl. Jodukus von der in der jetzigen protestantischen Kirche, die ca. 50 Jahre alt ist, außer dem Bilde der früheren Jodokkirche noch ein Taufstein gut erhalten ist. Diese Insel heißt auch Fischland und war ein vielumstrittenes Gebiet, gehört Schweden, Polen, Preußen und jetzt Mecklenburg. Wustrow ist eine Nehrung, die das Fischland mit dem Darm und Singst verbindet. Der reizende, saubere, in der Mehrzahl von Kapitänen und Steuerleuten bewohnte, von schönen schattigen Alleen durchsetzte Ort zieht sich vom Binnenwasser, dem Saaler Bodden, bis an die Ostsee.

In der Nähe breitet sich ein schmucker Kurpark aus, jenseits des Ortes liegt ein trocken grindiger Tannenwald, die Luft ist stark salzig. Schwache und Leidende können warme Seebäder nehmen. Gelegenheit zum Rudern und Segeln ist reichlich geboten. Auch ein schöner Tennisplatz ist vorhanden. Wustrow erfreut sich steigender Beliebtheit. Wer Ruhe und Stille in schöner Natur suchen will, der wird sich auf dem wellenumrauschten Fischland wohl finden. Die Kurzeit beginnt am 15. Mai. Vermöge ihre Abgeschiedenheit vom Lande und ihrer Einsamkeit sind die Bewohner Wustrows etwas verschlossen, sehr zurückhaltend und schwer zugänglich.

Hat man aber ihr Herz erobert, so sind sie herzlich zugetan und freundlich. Sie wollen unter sich bleiben; darum die vielen Verwandtschaftsheiraten , aber trotzdem haben sie schöne kräftige Nachkommenschaft. Den in ihrer Gemeinde sich Ansiedelnden bringen sie großes Mißtrauen entgegen.Sie nennen sie bloß die „Isebahner“, d.h. Eisenbahner, die auf der Eisenbahn zu innengekommen sind. Obwohl sie im plattdeutschen Gebiet liegen, sprechen sie mit den Fremden in guter leicht verständlicher hochdeutscher Sprache, unter sich allerdings gebrauchen sie den plattdeutschen Dialekt, der uns Süddeutschen fast vollständig unverständlich ist.

Die Bewohner Wustrows waren früher sehr reich: jede Familie hatte ein eigenes Schiff, aber durch die Rheedereien mit ihren Dampfschiffen und durch die Inflation sind sie meistens verarmt und sind auf den Fremdenverkehr und auf die Badegäste angewiesen. Die Landwirtschaft ist auch nicht auf Rosen gebettet, da der Boden durchwegs ein leichter Sandboden ist.Wegen des Mangels an Steinen sind die Ortsstraßen und Verbindungswege, die zwar sehr schön angelegt sind, in ganz miserablem Zustand: Rad-, Motorradfahrer, Autos würden im Sande versinken, weswegen man von diesen Fahrzeugen nicht belästigt wird, was zur Reinheit der Luft und zur Ruhe viel beiträgt.

So sehr den wirtschaftlich armen Bewohner Wustrows ein zahlreicher Fremdenverkehr und recht viele Badegäste zu gönnen und zu wünschen sind, so kann ich als kathol. Geistlicher meinen Mitbürgern und den Katholiken, die sich längere Zeit dort aufhalten wollen und gewohnt sind jeden Sonntag ihren religiösen Pflichten nachzukommen und auch am Werktage die hl. Messe besuchen wollen, das Ostseebad und den Kurort Wustrow keineswegs empfehlen, da mann von Wustrow aus überall hin fast 2 Stunden mit dem Dampfer und Bahn zu fahren hat, um eine katholische Kirche zu erreichen.

Die Auswertung der Ostseefahrt

Dagegen sehr zu empfehlen für kathol. Geistliche und Laien ist das nicht weit von Wustrow gelegne Ostseebad Müritz. Daselbst befindet sich eine katholische Kirche bezw. Eine Kapelle und eine katholische Seelsorgstelle. Dem Geistlichen ist dort Gelegenheit gegeben täglich zu zelebrieren und die katholischen Laien können täglich, oder wenigstens jeden Sonntag den Gottesdienst besuchen. In Müritz ist ein kathol. Kinderheim und ein vom Bischof von Osnabrück errichtetes Kurhaus für Kurgäste jeder Konfession. Für Kost und Verpflegung werden gezahlt 7-8 M täglich.

Hätte Wustrow nur einen katholischen Betsaal oder eine kleine Kapelle, so wäre es wegen seiner Ruhe und wegen des guten kräftigen Klimas sehr wohl zu empfehlen. Hoffentlich wird die Badeverwaltung Wustrows dafür sorgen, daß auch Katholiken, die dahin kommen, ihren religiösen Pflichten genügen können, indem sie einen kath. Beetsaal errichten läßt. In die Zeit unseres Aufenthaltes in Wustrow fiel der Fronleichnamstag. Die meisten Katholiken hätten an diesem Festtage wohl gerne eine hl. Messe wenigsten Besucht. Gewiß hat sich der Leiter des Fremdenverkehrskomitees alle Mühe gegeben und hat keine Kosten gescheut, um den Katholiken des Sonderzuges den Besuch einer hl. Messe zu ermöglichen. Er hat den kathol. Geistlichen des Ostseebades Müritz gebeten, eine hl. Messe zu lesen.

Da ich als katholischer Geistlicher die Ostseefahrt mitmachte, brachte dieser Geistliche die zum Messelesen notwendigen Sachen und ich konnte in einemTanzsaal um 3/4 11 Uhr eine heilige Messe lesen, welche allerdings nur von 30 Personen besucht war. Wäre dieser Gottesdienst im Programm festgelegt gewesen, wäre er durch den Leiter mehr bekannt gemacht worden und hätte er schon um 10 Uhr stattfinden können, dann hätten gewiß hunderte von Katholiken dieser hl. Messe beigewohnt. Aber die Zeit um 3/4 11 Uhr war die ungünstigste die gewählt werden konnte und wegen der Ankunft des Müritzer Geistlichen gewählt werden mußte, da um 11 Uhr die Zeit zum Mittagessen und um 3/4 12 Uhr pünktlich unsere Abfahrt von Wustrow festgesetzt war.

Auf diese Weise kamen viele Katholiken am hochheiligen Fronleichnamsfeste eines Gottesdienstes. Auch scheinen gewisse Kreise in Wustrow alles aufgeboten zu haben, um die Abhaltung eines katholischen Gottesdienstes gänzlich zu verhindern. Kein Mensch in Wustrow war trotz guter Bezahlung in Wustrow aufzutreiben, um den Meßküster in Müritz zu holen. Obwohl mir der Musikleiter zugesagt hatte, während unseres kath. Gottesdienstes ernste Choräle zu spielen, fand sich nicht die nötige Anzahl Musikanten ein. Da der protestantische Pastor jedenfalls befürchtete, es könnte unser katholische Gottesdienst, wenn seit 100 Jahren – eine staatsgefährliche Handlung darstellen oder es könnte dadurch der konfessionelle Frieden gestört werden, wohnte er selbst dem Gottesdienst bei, bei dem wegen der kürze der Zeit keine Ansprache gehalten werden konnte, sondern nur die Messe verlesen wurde.

Wustrow liegt eben noch in Mecklenburg und in manchen Köpfen scheint trotz der neuen deutschen Reichsverfassung die auch den Katholiken volle freie Relegionsübung garantiert, der alte intolerante Geist noch zu spucken. Gerne möchte ich die 2 noch folgenden Tatsachen nicht als Absicht, sondern mehr als Zufall bezeichnen, wenn ich könnte. Es ist doch gewiß sonderbar, daß ausgerechnet an dem Montag an dem ersten Tage, an dem wir uns in Wustrow befanden in einem auch Wustrow viel gelesenen Ribnitzer Blatte Dr. Martin Luther verherrlicht wurde und von ihm am Schluss des Artikels hieß: „Martin Luther hat sich in Gottes freier Natur wohler gefühlt als hinter den katholischen Klostermauern.“ Wenn das Wort „katholisch“ weggeblieben wäre, wäre diesem Artikel die Spitze genommen gewesen.

Ebenso sonderbar war es auch, daß am Dienstagabend als Kinovorstellung „Zu Ehren des bayer. Sonderzuges“ ein direkt katholisches Stück: „Die Erlebnisse einer Klosternonne“ aufgeführt wurde. Ich bin selbst überzeugt, daß die Veranstalter dieser Kinovorstellung ganz genau wußten, daß an diesem Sonderzug viele Katholiken Anteil nahmen. Und es wär gewiß schicklicher und anständiger gewesen, wenn Sie zu Ehren der am Sonderzug teilnehmenden Katholiken auf die Aufführung dieses katholikenfeindlichen Stückes verzichtet und lieber ein echt deutsches Stück gewählt hätten, durch das Vaterlandsliebe und festes Zusammenhalten der deutschen Stämme gepredigt und gepflegt worden wäre.

Unter der ca. 800 Personen zählenden Reisegesellschaft unseres katholischen Sonderzuges, von der wohl so ziemlich die hälfte protestantisch war, war ich der einzige katholische Geistliche und leicht erkennbar an meiner Kleidung. Gewiß haben auch manche der Bayern mit großen Augen auf mich geschaut, daß ich als katholischer Geistlicher es gewagt habe, mich der Sonderfahrt an die Ostsee anzuschließen. Aber ich muß offen sagen zur Ehre unserer Bayern, waren alle ein Herz und eine Seele und man merkte nicht im geringsten die religiösen Gegensätze im persönlichen Verkehr.

Alle, die mit mir in Berührung kamen, ob Katholiken oder Protestanten, unterhielten sich freundlich mit mir. Dasselbe Lob kann ich nicht allen Mecklenburgern spenden, die mit mir zusammenkamen, bezw. mir begegneten. Sie schauten mich mit großen Augen und mit Blicken an, aus denen mehr die Furcht, als die Ehrfurcht, mehr Verachtung als die Achtung leuchtete. Es ist ja leicht begreiflich, weil in diese Gegenden sich wohl selten ein katholischer Geistlicher verirren wird. Zwei haben mich direkt angehalten, einer in einem besseren Hotel. Es war ein Möbelfabrikant aus Ribnitz, der allerdings, wenn er nach Wustrow kommt, um Gelder einzusammeln, mehr Geld vertrinkt als er einnimmt. In diesem benebelten Zustande rempelte er mich als katholischen Geistlichen an, indem er sich als Protestant vorstellte, Martin Luther als den größten Mann Deutschlands pries und sofort hinzufügte, daß ein drittel Deutschland, also wir Katholiken, ihn nicht verständen. Ich weiß ihn natürlich in echt bayerischer Weise energisch zurecht, worauf er mich dann in Ruhe ließ.

Ein anderer Mann mit seiner Frau begegnete mir im Badeorte Born. Sofort liefen beide auf mich zu lobten auch über alles den Reformator und baten mich um Auskunft in manch religiösen Fragen, in denen ihnen ihr Pastor, dem sie nichts mehr glauben können, keine richtige Aufklärung geben könne. Dieser Mann, der in der Bibel sehr gut belesen und beschlagen war, aber sie ganz falsch auslegte, entpuppte sich nach einer kurzen Unterredung als Adventist oder als ernster Bibelforscher. Ich hatte wirklich Mitleid mit diesem armen nachWahrheit suchenden und strebenden Mann. Er selbst dem die nötige theologische Bildung fehlte, konnte seine Zweifel nicht lösen und derjenige, der ihm vermöge seiner theologischen Ausbildung Aufklärung geben sollte, sein Pastor, fand bei ihm keinen Glauben.

O wie glücklich sind wir Katholiken daran, daß wir ein vom Stifte geleitetes unsehtbares Lehramt in unserer Kirche besitzen, das uns sichere Aufklärung und Auskunft geben kann in allen zum ewigen Heile notwendigen Fragen. Danken wir Gott dafür. Diese inneren unlösbaren Zweifel scheinen diesen armen Mann auch körperlich anzugreifen, wovon sein trauriger und düsterer Blick äußerlich Zeugnis ablegt. Wenn auch diese beiden Männer mich als katholischen Geistlichen in meiner religiösen Weltanschauung angriffen, so muß ich doch wieder ihren Bekennermut und diese Religiosität bewundern und anerkennen. Möchten doch auch unsere Katholiken ihren hl. katholischen Glauben so energisch bekennen, wie diese beiden Männer ihren Glauben offen bekannten, allerdings nicht in einer solchen Form., wie diese es taten, indem sie Andersgläubige in ihrer Glaubensüberzeugung angreifen.

In Wustrow selbst belästigte und beleidigte mich kein einziger Bewohner wegen meines Standes und meines katholischen Glaubens, wenn auch gar viele mich nicht gerade mit freundlichen Blicken anschauten. Ich sah daraus doch, daß in Süddeutschland, speziell in Bayern die beiden im Glauben getrennten Konfessionen sich einander toleranter und freundlicher begegneten, als in dem noch vom früheren intolerantenGeiste durchseuchten Mecklenburg.

Neben diesen ernsten und mir unangenehmen Vorfällen möge auch ein Stückchen Humor zur Geltung kommen. Ich saß in einem Hotel Wustrows neben einem großen stämmigen pommerschen Förster, der nach echter Försterart einen guten Tropen bayrischen Biers liebte und sich auch auf Jägerlatein gut verstand. Er war mit seiner Frau und seiner noch jungen Tochter 3 Stunden weit her mit einem Fuhrwerk gekommen, um die wackeren Bayern zu sehen, mit ihnen sich zu unterhalte und mit ihnen zu tanzen. Die Pommern scheinen gemütlicher und freundlicher zu sein, wie die Mecklenburger. Wir unterhielten uns ganz gut miteinander. Weil er jedenfalls seine Tochter unter die Haube bringen wollte, kam ihm plötzlich in den Sinn, mich zu seinem Schwiegersohn zu erwählen und forderte mich in allem Ernste auf, mit seiner Tochter zu tanzen, das sie so gerne mit einem Bayern tanzen möchte. Da ich ihm natürlich einen anständigen Korb geben mußte, bat er mich, ich möge bei meinen Landsleuten bewirken, daß er eine bayrische Tänzerin und seine Tochter einen bayrischen Tänzer bekomme. So übertrug er mir das wichtige Ehren- und Vertrauensamt eines Tanzvermittlers. Wie er mir später sagte, ist es ihm und seiner Tochter nach vieler Mühe gelungen, doch eine bayer. Tänzer und eine bayrische Tänzerin zu ergattern, weshalb er dann schon gegen 12 Uhr hochbefriedigt und beruhigt, aber auch schwer beladen den Heimweg mit seiner Gattin und seinem holden Töchterlein auf seinem Landauer antrat. Er nahm herzlich Abschied von mir, und bat mich ihn bald möglichst zu besuchen. Es gibt also auch im rauchen Norden unseres deutschen Vaterlandes recht gemütliche Leute, mit denen sich reden läßt. So viel von meiner Ostseefahrt!

Neben einigen kleinen Unannehmlichkeiten bot sie der Hauptsache nach doch Schönes und Angenehmes. Und das wird mein Leben lang in bester Erinnerung bleiben. Da wir Bayern uns während des 6 tägigen Aufenthaltes in Wustrow auf der Bahn und in den Dampfern besser kennen lernten, war die Rückfahrt in unser liebes Bayernland eine recht gemütliche, animierte und heitere. So oft Passagiere ausstiegen, gab es jedesmal einen herzlichen Abschied und ein „Lebewohl“, „auf Wiedersehen“, verbunden mit einem dreimal donnernden Hoch.