Spruch des Seeamts zu Rostock vom 6. August 1881, betreffend den Seeunfall der Bark „Elsa“ von Rostock.
Am 31. Mai 1878 war die in den Jahren 1871/72 in Rostock erbaute und beheimathete, zu 482,13 britischen Register-TonsNetto-Raumgehalt vermessene Bark „Elsa“ im Hafen von Valparaiso mit dem Löschen der Ladung beschäftigt.
Im Laufe des Tages ging der Wind mehr nach Norden, nahm dergestalt an Stärke zu, dass das Löschen eingestellt werden musste, und steigerte sich gegen Abend zum Sturm, welcher bald in einen vollständigen Orkan ausartete. Die „Elsa“ lag vor ihren 3 Ankern, von denen zwei vorne und der dritte hinten mit je 90 Faden Kette ausgebracht waren, verhältnissmässig sicher. Dagegen waren verschiedene der neben ihr im Hafen ankernden Schiffe bereits in das Treiben gekommen und ward dadurch die Lage der Bark mehr und mehr eine gefährdete. Gleich nach 9 Uhr Abends verliessen Schiffer Fretwurst, Bootsmann Dannehl, Segelmacher Last, Zimmermann Witt, Matrose Wiese, Matrose Lammert, Matrose Mikkelsen, Leichtmatrose Karsties und Jungmann Schnittke mittelst der Gig die „Elsa“, während Steuermann Gallas mit den Matrosen Krüger und Harms dort zurückblieben. Nachdem aber die Gig kaum abgestossen war, schlug dieselbe voll und mit alleiniger Ausnahme des Zimmermanns Witt, welcher eines der von der Bark herabhängenden Taue ergriff und daran an Bord gezogen wurde, fanden dessen Insassen sämmtlich den Tod in den Wellen.
Die Ueberlebenden, als der Steuermann Gallas, der Zimmermann Witt und die Matrosen Krüger und Harms, sind vor dem Kaiserlich deutschen Generalconsulat zu Valparaiso und zwar die letzteren drei eidlich vernommen. Nach ihren überein stimmenden Aussagen erschien Abends etwa 9 Uhr die nicaraguensische Bark „Transito Alvarez“ vor dem Bug der „Elsa“ und ward Steuermann Gallas vom Schiffer Fretwurst beordert, nach vorne zu gehen, um letztere von der ersteren frei zu halten. Hierbei unterstützte ihn der Matrose Krüger und eilte später auch noch der Matrose Harms zu seiner Hülfe herbei. Inzwischen hatte der Schiffer, welcher sich mit der übrigen Mannschaft auf dem Hinterdeck der Bark befand, die Gig klarmachen lassen. Alle mit alleiniger Ausnahme der 3 vorne beschäftigten Leute, an welche anscheinend niemand gedacht hatte, bestiegen dasselbe und stiessen ab. Gleich darauf lief Harms nach hinten und erkannte noch die Gig etwa 5 Schritte hinter der Bark; dann entschwand dieselbe seinen Blicken. Dagegen gewahrte er bald nachher den an einem Tau hängenden Zimmermann Witt und zog ihn mit Hülfe der Uebrigen an Bord.
Die „Elsa“ ist mit den am Bord Zurückgebliebenen am folgenden Tage glücklich gerettet und, nachdem die ihr in jener Nacht durch den Zusammenstoss mit treibenden Schiffen zugefügten Beschädigungen reparirt worden, im August desselben Jahres wieder in See gegangen. Die Havariekosten haben sich auf ungefähr 25 000 M belaufen. Von den Insassen der gekenterten Gig ist niemand wieder aufgefunden.
Denn hätte man auch, was nicht festgestellt ist, das plötzliche Hereinbrechen des Sturmes voraussehen können, so würde es doch bei dem beschränkten Raume unmöglich gewesen sein, der Bark noch vorher eine veränderte Lage zu geben, und wenn sich der Schiffer darauf beschränkte, dieselbe vor 3 Ankern mit je 90 Faden guter Kette festlegen zu lassen, so that er alles, was unter den ob waltenden Umständen zur Sicherung seines Schiffes geschehen konnte. Als dann aber der Sturm zum Orkan anwuchs und mehrere der in der Nähe der Bark ankernden Schiffe in das Treiben kamen, gab es kein Mittel, der drohenden Collision mit denselben vorzubeugen oder auch nur deren Folgen abzuschwächen, und der Besatzung blieb in der That nichts übrig, als sich geduldig in ihr Schicksal zu ergeben und dem, was da kommen sollte, unverzagt entgegen zu sehen. Auf eine Unterlassung ihrerseits ist daher die durch den Zusammenstoss mit jenen treibenden Schiffen bewirkte Beschädigung der Bark in keiner Weise zurückzuführen und weder dem Schiffer noch der Mannschaft solcherhalb ein Verschulden beizumessen.
Was den Schiffer veranlasst hat, mit dem grösseren Theile der Mannschaft sein Schiff zu verlassen, darüber hat Bestimmtesnicht festgestellt werden können. Wahrscheinlich setzte er nach der Collision mit der „Transito Alvarez“ das sofortige Sinken desselbenvoraus und erachtete es deshalb für geboten, den Versuch, wenigstens mit einem Theile der Besatzung das Land zu erreichen, so aussichtslos er auch sein mochte, zu machen. Warum er dazu die Gig und nicht die Schaluppe verwandte, und ob er es absichtlich oder nur versehentlich unterliess, die vorne beschäftigten 3 Leute von seinem Vorhaben zu benachrichtigen, entzieht sich, da auch der Zimmermann Witt hierüber keinerlei Auskunft hat geben können, der Beurtheilung des Seeamts.
Das Verhalten des Steuermanns endlich verdient alles Lob. Er hielt muthig auf der beschädigten Bark aus, behauptete sich auf derselben trotz der wiederholten Zusammenstösse mit den in das Treiben gerathenen Schiffen bis zum Nachmittag des 1. Juni und ermöglichte so seine und der 3 bei ihm zurückgebliebenen Leute Rettung.