Zwischen Australien und Südamerika

Matrosenperspektive auf einem Familienschiff

Ein Rückblick für Sie, liebe Frau Voß und Ihre verehrte Familie in jene stolze Vergangenheit, in welcher der der Leichtmatrose Ernst Voß und der Matrose Aeckerle in guter Kameradschaft mit der gesamten Besatzung der „Nordsee“ unter vorbildlicher Führung die vorstehenden Rekordreisen von Australien nach Chile erlebte, 

Hamburg, den 21. April 1966 von Ihrem Ernst Aeckerle

Schiffssuche und die Anreise auf dem Vollschiff "Nordsee"

Verschwunden sind die tiefliegenden Kellerkneipen mit ihrem ständigen Grogduft, den Schiffsmodellen, den von der Decke hängenden, mottenbenagten ausgestopften Vögeln der Südseeinseln, den Albatrosköpfen, Muscheln, Seesternen und vielerlei Gegenständen eines Kleinmuseums der Völkerkunde. Verschwunden ist der internationale Treffpunkt der Kapitäne, die angesehene Gaststätte und Hotel „Old Comercial Room“, an der Ecke von den Vorsetzen und Stubbenhuk. Wie manche der Heuerbaase, waren Möller & Ohlsen altgewordene Kapitäne und Reedereibeauftragte für die Anwerbung der Mannschaft für Ihre Schiffe. Es gab Heuerbaasen, die zugleich Schlafbaase waren. Es war naheliegend, daß deren Logiergäste bevorzugte Chancen auf gutbeleumundete Schiffe hatten. Zumal, wenn ihre Zahlungsfähigkeit erschöpft war.Neben der einen Kategorie, die für Flüssigmachung der Heuer ihrer Schlafgäste im eigenen Lokal sorgte – gab es eine andere – die fürsorgend zur Anlage eines Sparkontos anriet. Das Vertrauen ihrer jungen Gäste zu ihnen ging oft so weit, daß sie den Schlafbaasen ihre Sparbücher zur Aufbewahrung hinterließen. Mancher Fahrensmann verdankte ihm hierdurch seine ersparten Geldmittel zum Besuch der Seefahrtsschule. Möller & Ohlsen durchblätterte auch nicht auf der Suche nach Geldscheinen die Musterbücher, bevor sie eine Stellung vergaben. Von derartigen Methoden wurde an der Back vielfach geredet.Bei diesen alten Herren war ich also aufgekreuzt und für das Hamburger Vollschiff „Nordsee“ angenommen. Die „Nordsee“ gehörte der Firma F. L. Sloman & Co., die getrennt von der bekannten Hamburger Reederei Robert M. Sloman jr. einige Jahre einen Liniendienst mit Segelschiffen von Tönningen nach Australien betrieb.
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß
Seefahrtsbuch Ernst Voß
In diesem nördlichen Hafen an der Westküste von Schleswig-Holstein lag also mein neues Schiff und die Reise nach dort hat vermutlich zu dem guten Verhältnis beigetragen, das unsere Crew während einer langen Bordzeit kameradschaftlich zusammenhielt. Bepackt mit unserem Zeugsäcken und Seekisten trafen wir auf dem Altonaer Bahnhof mit unseren Heuerbaasen zusammen. Sechs Matrosen waren wir, die dem Schiff noch fehlten. Das Gepäck wurde aufgegeben, die Heuerbaase händigte uns die Fahrkarten aus und erklärte uns, ohne umzusteigen nach Tönningen durchzufahren. Dann wünschten sie uns eine gute Reise nach Australien und atmeten vermutlich erleichtert auf, als der Zug mit uns aus dem Bahnhof rollte. Für diese berufserfahrenen Männer war es oft ein Kunststück, eine Mannschaft geschlossen zu verschicken. Widerspenstige Jantjes, noch verträumt vom freien Landleben, sprangen nicht selten aus der Herde. Nun saßen wir Schicksalsgenossen in einem Abteil III. Klasse eines polterden Personenzugs und hingen unseren Abschiedsgedanken nach. Bis Pinneberg sprachen wir kaum miteinander. Dann war Hamburg überwunden. Nur eine halbe Stunde lag hinter uns. Krischan Reverey, ein waschechter Mottenburger, Sohn eines Gastwirts, hatte den väterlichen Segen in geistiger Form von mehreren Cognacflaschen mit auf die Reise bekommen. In Pinneberg knallte der erste Korken und zugleich der Trübsinn unserer Seelen. Mit einer Ausnahme, waren wir uns fremd. Nur ich traf mit einem Kameraden von meinem letzten Schiff, der „Pitlochry“ erneut zusammen. Auf dieser Laeisz’schen Viermastbark machten wir die Reise mit, als sie an Kap Hoorn entmastet wurde. Später gehörten wir zu den 13 Typhuskranken, die in unserem Nothafen Montevideo abgemustert und heimbefördert wurden. Das Beisammensein dauerte kaum 24 Stunden. Die Sehnsucht nach Hamburger Luft trieb ihn urplötzlich zurück. Sinnig zuckelte unser Bummelzug von Station zu Station durch Schleswig-Holsteins grüne Auen. Husum lag hinter uns. Der Schaffner rief – Bredstedt – aus. So nebenbei fragten wir ihn, wann wir in Tönning ankommen würden. „Dann hätten Sie in Husum umsteigen müssen!“ rief er uns zu, während der Zug anfuhr. Mit Elan sprangen wir aus dem Abteil und landetet auf einem einsamen Bahnsteig auf der Reise nach Australien. Unsere Heuerbaase hörten die Verwünschungen nicht, die ihnen wegen der falschen Kursangabe zugedacht wurden. Der nächste Gegenzug nach Husum war erst Stunden später fällig. Glück muß Janmaat haben. Wir hatten es. Die Bahnhofsgaststätte hatte einen bescheidenen Tanzsaal. Die beschwingende Wirtstochter, die wir bei dem Reinschiffmachen des Saales überraschten, war allzu gern bereit, den Besen in die Ecke zu stellen und diese profane Arbeit in die beschwingtere von der Muse Terpsichere’s zu verwandeln und nach den lautstarken Klängen eines Orchestrion die Wartezeit mit uns zu durchtanzen. In allerbester Stimmung verließen wir die erste Etappe unserer Weltreise. Als der Zug uns in Husum absetzte, waren wir ein festgefügte Gemeinschaft. Auch hier fehlte der Anschluß nach Tönning und erst am Abend war die Weiterfahrt möglich. So hatte wir die beste Gelegenheit, die gastronomischen Verhältnisse dieser gemütlichen Kleinstadt auszukundschaften. Dieser Forschungsaufgabe wurde gründlich nachgegangen. Von Kneip zu Kneipe ging unser Streben. Unserem spendablen Kreis hatten sich zwei Handswerkburschen mit Knotenstock und Felleisen, echte Monarchen der Landstraßen angeschlossen. Solch eine Gelegenheit zu billigen Alkoholquantitäten zu kommen, hatten sie sicher noch nicht erlebt. Als getreue Gefolgsleute begleiteten sie uns zum Bahnhof und nahmen tiefberührt Abschied von ihren Wohltätern. Das Nachspiel zu unserer erfolgreichen Entdeckungsreise erfolgte prompt. Mein alter Kamerad von der „Pitlochry“ wurde seedoll. Seine Lademarke war überschritten. Entsetzt und entrüstet sprang ein Herr aus seiner Abteilecke auf, als er von dem Segen fast überschüttet wurde. Diesen verständlichen Zorn verbarg er, ohne ein Wort darüber zu verlieren. In Anbetracht der fidelen und stämmigen Burschen hielt er es wohl auch ratsam, sich nicht in eine offene Gegnerschaft zu ihnen zu setzen.

Am Spätabend landeten wir auf der „Nordsee“.

Eine harte Arbeit war es für den Steuermann am nächsten Morgen, seine neuen Leute aus ihrem todesähnlichen Schlaf zu wecken. Unbarmherzig holte er sie aus den Kojen zur profanen Wirklichkeit des Daseins eines Janmaaten an Bord eines Windjammers zurück. Vorbei waren die Tage der ungebundenen Freiheit. Bei der Anmusterung am gleichen Tage auf dem Bürgermeisteramt verlangten wir von dem Kapitän die Erstattung unserer Rückfahrtkosten von Bredstedt nach Husum. Unseres Erachtens waren diese durch das Verschulden der Heuerbaase entstanden. Diese Rechnung hatten wir aber ohne den Herrn Bürgermeister gemacht. Hielt der uns eine Moralpredigt über unser Verhalten in der Eisenbahn am Vorabend. Vor uns hatten wir den Unglücksraben, der von unserem Seekraken fast weggeschwemmt wurde. Diesen Übertäter konnte sein Zorn allerdings nicht erreichen. Der rollte bereits seit Stunden nach Hamburg zurück. Wir Kumpane aber mußten fast annehmen, anstatt nach Australien zu fahren, in Tönninger Kittchen unser Dasein zu beendigen. Da ich keine Veranlassung gegeben hatte, dieses drohende Schicksal auf mich zu nehmen, erklärte ich dem hohen Herren, daß ich mindestens ebenso nüchtern gewesen sei, wie er, der Bürgermeister. Diese Äußerung genügte, um kurzerhand die geforderte Unkostenerstattung abzulehnen. Getrauert haben wir über diesen Verlust nicht. Wie üblich vor jeder Ausreise wurde das Schiff seeklar gemacht. Ein Teil der Mannschaft war bereits Wochenlang an Bord. Größere Segler waren seltene Gäste im Tönninger Hafen. So fanden die Leichtmatrosen und Schiffsjungen als hoffnungsvolle Kapitänsanwärter besondere Gnade bei den jungen bürgerlichen Evastöchtern des Landes. Mancher Brief folgte, oder vielmehr verfolgte die durch ewige Treue Verbundenen. Als diese dann seltener wurden und die verschiedenen Mädchennamen der Allgemeinheit preisgegeben wurden, erkannte man die Lösung eines hehren Gelöbnisses.
Mannschaft der "Nordsee"
Mannschaft der Nordsee
Unser Kapitän, das Urbild eines Segelschiffskapitäns, war ca. 35 Jahre alt. Seine Frau, welche die Reise mitmachen wollte, war 23 Jahre alt und dazu Erna, das Nestkücken, 9 Monate alt.Wir hatten also eine richtige Familie an Bord. Ein solches Idyll hatten wir Leute vor dem Mast alle noch nicht erlebt. Natürlich wurde im Logis geunkt: „Frauen an Bord bringen Unglück. Wenn das man gut geht?!“. Gefreut haben wir uns trotzdem, daß zwei weibliche Wesen an Bord waren. Bereuen brauchten wir es ebenfalls nicht. Es ging nämlich gut, sehr gut sogar. Vom Mißgeschick blieb unser Schiff bis zu unserer Abmusterung verschont. Ich war dem I. Offizier Brüning zugeteilt, der die B.B. Wache befehligte. Die St.B. Wache führte der II. Offizier Paul Steindorff aus Elsfleth. Im Jahre 1942 traf ich den einstmals Schlanken als wohlbeleibten Kapitän eines Erzdampfers der Firma Krupp erstmalig wieder. Heute, nach mehr als 60 Jahren, stehen wir Altgewordenen in laufender, freundschaftlicher Verbindung. Der 23 jährige „Zweite“ genoß das uneingeschränkte Vertrauen des Kapitäns. Mit diesem hatte er bereits eine Reise auf SS „Charlotte“ gemacht. Weitere Vorgesetzte hatten wir nicht. An Ausländern waren zwei Schweden und ein Däne an Bord. Das ein Familienschiff seine Tücken haben kann, mußte Tedje Prollius, ein fröhlicher Berliner, in seiner unverdorbenen Leichtgläubigkeit erfahren. An einem sonnigen Nachmittag kam der II te in unser Logis und gab dem guten Tedje den ehrenvollen Auftrag, Erna in ihrem Kinderwagen in den Tönninger Grünanlage spazieren zu fahren. Ein Jantje als Kindermädchen, diese teuflische Zumutung war dem gutmütigen Seemann doch zu viel. Besonders erbost war er aber über unser wenig kameradschaftliches Gelächter, das er über sich ergehen lassen mußte. Sein anfängliches Zögern war spontan verflogen. Er rebellierte. Trotz Androhung aller gesetzlichen Strafen wegen Meuterei, dieser Todsünde, blieb er hart bei seiner Ablehnung. Erst als der Urheber lachend abzog, erkannte er, daß er das Opfer eines abgekarteten Spaßes geworden war. Ein Kinderwagen war außerdem nicht an Bord. Später auf See, da hatte Erna das ganze Vorschiffvolk jederzeit als freiwillige Kindermädchen zur Verfügung. So ändern sich die Ansichten von harten Männern.

Die "Nordsee" erreichte Australien

Vollbepackt mit einer Ladung Stückgut, verließen wir am 3. Juli 1906 den geruhsamen Tönninger Hafen. Bereits am 5. Juli hatte uns eine frische Brise vor dem Wind an Dover vorbei geschoben. In weiteren vier Tagen kreuzten wir dann durch den Kanal. Am 4. August passierten wir die Linie und am 27. August waren wir querab vom Kap der guten Hoffnung. Bereits während Flautentage, im Kalmengebiet und in den Passaten hatten wir erkannt, ein schnelles Schiff unter den Füßen zu haben. Hier unten nun, fand es die ihm zustehende Rennbahn. Jetzt legte es los. Prall standen die Segel vom stürmischen Westwind gefüllt brauste es unentwegt ostwärts.Am 25. September, nach einer annehmbaren Reise von 82 Tagen machten wir in Geelong, unserem ersten Löschhafen fest. Dieser kleine Ort, in der Nähe von Melbourne, wurde nur selten von Großseglern angelaufen. Es war ein schöner Sonntagnachmittag, als wir unser Schiff am Kai vertäuten. Hunderte von Einwohnern ließen sich nicht die Abwechslung von dem gewohnten Alltagsbild entgehen, um den Fremdling in ihrem Hafen zu sehen. Kaum war der Steg an Land gelegt, war das Deck von einheimischen Besuchern überflutet. Wie konnte man es einer Schar von jungen, hübschen Mädchen es ablehnen, den Abend mit ihnen tanzend in der – British Sailors Mission – zu verleben? Wir landentfemdete Jantjes konnten es nicht! So wechselt das Seemannsleben in wenigen Stunden. Gestern noch in Seestiefeln und Ölzeug mit harten Flüchen und Verwünschungen auf der Zunge, heute bei fröhlichem Tanz und gesitteter Unterhaltung. Ausgezeichnet verstand man es in den englischen Seemannsmissionen den Fahrensleuten angenehme Stunden an Land zu bereiten. Zumal hier in Australien.

In Geelong war es besonders Hervorstechend.

Angesehene Bewohner der Stadt fanden sich allabendlich in der Mission ein. Freigiebig wurde Tee und Gebäck verausgabt und mit Musik, Tanz und Gesellschaftsspielen wurde die Stunden lustig verbracht. Kaum verwunderlich, daß wir diese, für uns neue Welt noch nicht voll verstanden. So glaubten wir, eine blitzschnelle Eroberung gemacht zu haben, als wir uns gegenseitig entschuldigten, wegen einer liebenswürdigen Einladung auf den gemeinsamen Heimweg zu verzichten. Recht lange Gesichter machten wir dann zu Dreien als wir nach dem Abschluß des heiteren Abend wartend vor der Mission standen und erkennen mußten, daß uns der gleiche Stern aufgegangen war. Aber was half es. Mit diesem Gefolge mußten wir unsere Kavalierspflicht erfüllen und unser vermeintliches Glück nach Hause begleiten. Vor der Haustür erfuhren wir, daß wir nur den Weg zu ihrer Wohnung kennenlernen sollten. Nach ihrem weisen Beschluß sollte dieser Weg uns allabendlich in ihr Elternhaus führen. Zu Baptisten sollten wir umgeformt werden. Auf unser Seelenheil hatte sie es also abgesehen, – das mußte uns noch passieren. Geradezu eine teuflische List war es aber, deren Lockung wir nicht wiederstehen konnten. – Wurst – real german sausage war es, die uns weich machte. Dies sollte am kommenden Abend unser Festessen sein, wie sie sagte. Obgleich unser Seelenhunger noch in den letzten Zuckungen lag, wurden wir mit dieser kulinarischen Aussicht halbwegs bezwungen. Der Vater unseres Schutzgeistes war in seiner Jugend wegen einer Straftat von England nach Australien deportiert worden. Dieser frühere, nur spärlich besiedelte Kontinent, war die Strafkolonie von Großbritannien. Nun war der einstige Sträfling ein hochbetagter Mann, Inhaber einer Wurstfabrik, wohlhabend und gottgefällig. Seine Tochter trug redlich dazu bei, die Jugendsünden des Familienoberhaupts abzuzahlen.So hatte sie dieses Mal einen reichen Fischzug im Tümpel der Tugendlosen getan. Nun zappelten wir in ihrem Netz. Richard Vorkamp, Karl Koch und ich. Mit einem frohen – good by -, der Ermahnung, stets – good boys – zu sein und dem Versprechen ihrer Einladung zu folgen, wurden wir dann entlassen. Mit allem wären wir einverstanden gewesen, um uns aus dieser blamablen Situation zu bergen. Wie begossene Pudel zogen wir bordwärts. Da wir zu Dreien auf falschem Kurs gelegen hatten, brauchten wir gegenseitig kein Hehl aus unseren Enttäuschungen machen. Jedenfalls waren wir uns einig, unser Besuchsversprechen rücksichtslos über Bord zu werfen. Wir Ahnungslosen wußten allerdings nicht, welche Macht ein australisches girl mit der Wurst in der Hand und der Bibel im Rücken auszuüben vermag. Nach dieser Fehlspekulation bedauerte ich, eine andere Einladung abgelehnt zu haben, die ebenso aufmunternd an mich ergangen war. Eine ältere Dame, Mutter von zwei Töchtern und zwei Söhnen hatte mich anscheinend auf Anhieb in ihr Herz geschlossen. Mrs. Edye war die Witwe eines Holzhändlers, der ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen hatte. Der älteste Sohn studierte z.Z. in England. Dann kam Cassy, die 18 jährige Tochter. Nach Mutter Edye’s weiser Fürsorge mein vorgesehenes Schicksal. Eine 15 jährige Tochter und ein 14 jähriger Sohn rundete die Familie ab. In diesem Kreis sollte nun ein Loch geöffnet werden, in das ich schlüpfen sollte. Als Partnerin in einem Gesellschaftsspiel hatte sich Mrs. Edye zu mir gesetzt. Auch sie erteilte mir den guten Rat, ein – good boy – zu sein mit der Aufforderung, sie und ihreTöchter nach Hause zu begleiten. In Anbetracht meiner bereits anderweitigen Verpflichtung lehnte ich diesen ehrenhaften Begleitdienst ab. Mein Versprechen aber abgeben, dafür am kommenden Abend zum – supper – zu erscheinen und einen musikalischen Kameraden als weiteren Gast mitzubringen. Nun waren also zwei Versprechen am Montagabend einzulösen. Die Geschichte konnte ja noch gut werden. – To promise – war der Ausdruck der Verpflichtung zur Innehaltung meiner Zusage. Ein rasanter Start waren jedenfalls für mich die ersten Stunden meines Aufenthalts im fünften Erdteil. Meinetwegen, auch zu dieser Familie würde ich nicht hingehen. – und ich tat es doch. Recht oft sogar. Trieb mich nicht meine eigene Willenskraft, dann war es mein Freund Tedje, dessen Sehnsucht uns in das gastfreundliche Edye-Heim führte. Den sangesfrohen Tedje hatte ich als Teilhaber an den abendlichen Kunst und Futterfesten ausersehen. Dafür hatte er sofort Verständnis und rebellierte nicht, wie dereinst gegen die Kinderwagenfahrt in Tönning. Trotz meiner eingebildeten Konsequenz, entwickelte sich, wie auch bei meiner Wurstmiss, alles ganz einfach. Am nächsten Tag saßen wir in Reih und Glied am Kairand und klopften den angesammelten Rost von der Außenhaut unserer braven – Nordsee -. Lustig und dreckig hämmerten und schrapten wir und freuten uns auf den Feierabend. Mit Geld versorgt, sollten die Freunden Australiens erschlossen werden. Ja, so wäre es gekommen, wenn nicht die Familie Edye zu vieren aufgekreuzt wären. Alles guckte natürlich zu der Gesellschaft hin, nur ich nicht. Meine Kameraden riefen mich an. Ich reagierte nicht. Mein schmutziges Arbeitszeug war mir vermutlich zur Begrüßung von Damen nicht geeignet. Zudem rechnete ich wohl auch mit der etwaigen Anöderei meiner Backsgefährten. Auf der anderen Straßenseite hatte die Familie halt gemacht. Offensichtlich erwartete man meine Begrüßung. Als diese, in der Kulturwelt übliche Gepflogenheit von meiner Matrosenseele ignoriert wurde, schickte man einen Botschafter herüber. Es war der Jüngste der Familie, mit dem ich noch keine Bekanntschaft gemacht hatte. So suchte er fragend nach einem – Ernst -. Da die Damen mich in meinem jetzigen Aufzug und Rostbrillenschutz aus der Ferne nicht erkennen konnten, fehlten ihrem Boten auch hinweisende Direktiven. Nun irrte er suchend zwischen uns herum. Ernst Voß, mein Kamerad und Freund in vielen späteren Jahren, lehnet es entschieden ab, der gesuchte – Ernst – zu sein.

Erfolglos kehrte der Junge zu seinen Angehörigen zurück.

Meine Vogel Strauß Politik half mir aber nicht. Jetzt kamen die Damen selbst zu uns herüber. Ihre vereinten Augen angelten mich schnell aus der Männerschar. Wohl oder Übel mußte ich gute Miene zu diesem listigen Spiel der Frauen machen und ihren Wunsch erfüllen, das Schiff zu besichtigen. Die Kapitänsfamilie war abwesend und lachend gab mich der II. Offizier hierfür frei. Mein Bemühen, nach dem Rundgang über die Kajüte, Kombüse und Deck unser Logis zu übergehen, mißlang schmählich. Mir war rechtzeitig der, für Frauenbegriffe kritische Zustand unseres Junggesellenheims bewußt geworden. Doch gerade darauf hatte man es abgesehen. Nun erkannte ich auch den Zweck eines Blumenstraußen in Cassy’s zarten Händen. Feierlich wurden die Familienbilder in der Koje umkränzt, nachdem das Bettzeug sorgfältig geordnet war. Eine solche, nahezu sakrale Behandlung hatte die gute alte Koje seit der ersten Beherbung eines müden Janmaaten sicher nicht erfahren. Dann verabschiedeten sich die Besucher. Nochmals mußte ich – promisen -, am Abend zu kommen. Der Viererbund wandelte zurück in eine komfortable Wohnstätte und ich zu meinem Rosthammer und Schraper. Ein Entrinnen gab es nicht mehr. Bereits eine Stunde vor Feierabend stand der Junge vor dem Schiff. Jetzt kannte er mich ja und so lotste er Freund Tedje und mich in den sicheren mütterlichen Hafen. Es war eine gute Ankerstelle, die wir dort vorfanden. Cassy behämmerte das Klavier. Tedje sang deutsche Wehmuts- und Trutzlieder, die niemand verstand und dennoch dem Solisten wohlgefälligen Beifall einbrachte. Kleinlaut mußte ich hier zur Seite stehen. Eine musikalische Mitwirkung hätte die Harmonie des Abend keineswegs gehoben. So entwickelte sich im Laufe der Tage ein amüsantes Verhältnis. Trotz meiner gesanglichen Minderwertigkeit hatte Mutter Edye mich für ihre Älteste auserkoren und machte kein Hehl daraus. Mit meinen blutjungen achtzehn Lebensjahren hielt ich eine derartige überraschende Bindung immerhin als etwas verfrüht. Außerdem war milde ausgedrückt, die überschlanke Cassy nicht mein Ideal für lange gemeinsame Lebensreise. Abgesehen von dem erfreulichen Umgang mit diesen liebenswürdigen Menschen muß ich zu meiner Schande gestehen, daß das lukullische Abendessen mich erheblich magnetisierte. Tedje aber, wenngleich diesen Genüssen ebenso verfallen, wie ich, hatte neben dieser banalen Schwäche, sich bis über die Ohren in Cassy verliebt. Und diese wieder in Tedje. Amor’s Pfeil traf vermutlich auf gleichmäßige künstlerische Herzen. So rollten die Tage dahin. Unsere Teilladung für Geelong war gelöscht, nun hieß es von diesen neugewonnenen Freundeskreis Abschied zu nehmen. Unser letztes Festessen lag hinter uns. Verklungen war Tedjes Abgesang vom „Hirsch, den er im wilden Tale schlug“. Mutter Edye beschwor mich, zu desertieren, Cassy zu heiraten und Australier zu werden. Einen Job habe sie schon für mich. Tiefbedrückt wanderten Cassy mit Tedje einige Schritte vor Mrs. Edye und mir zum Schiff. Tedje packte das heulende Elend. Er, der gern bleiben wollte, war der Mutter nicht genehm und Cassy weinte um ihren entschwindenden Auserkorenen. Mutter Edye flehte mich an, Kehrt zu machen und trotz des dreifachen Kummers, meiner Weggenossen, konnte ich in meiner Verdorbenheit eine innere Heiterkeit über diesen seltsamen Viererzug durch Geelong’s stillen Straßen nur schwer verbergen. Am Gangway unseres Schiffes schieden wir voneinander. Heute wundere ich mich über meine damalige Standfestigkeit gegenüber diesen Verlockungen in Verbindung mit dem mütterlichen Bemühen ihre Tochter so eilfertig einem Fremdling anzuvertrauen. Ein paar Briefe folgten mir später. Tedje wurde reichlicher bedacht. Dazu mit many kisses, wie er mir verriet. Diesen brieflichen Vertraulichkeiten waren m.E. keine realistischen voraus gegangen. Dann blieben auch diese papierenen Gunstbeweise aus.

Zweigleisig verliefen meine Tage in dem kleinen Hafenstädtchen.

Hatte man es im Hause Edye auf eine lebenslängliche Bindung angesehen, so hatte es meine vermeintliche Ersteroberung mit der gleichen Ausdauer versucht, mein Seelenheil zu retten. Unsere Gemeinschaftsgirl vom Ankunftsabend hatte auch ihren Willen. Sie mobilisierte den freundlichen Seemannspastor. Unterstützt von dessen Bitte erneuerte sie ihre Einladung. So kam es, daß wir drei mannhaften Jantjes uns selber untreu wurden. Eines abends schipperten wir los. Kleinlaut warteten wir der Dinge, die nach der weisen Überlegung unserer Schutzpatronin geplant waren. Da ein besänftigter Magen weniger aufsässig ist als ein leerer, wurden wir vorbeugend mit Wurst gefügig gemacht. „German sausage“, so betonte nun auch ihr ehrwürdiger Vater, sollte von uns Deutschen geschmacksmäßig begutachtet werden. Überzeugungsvoll bestätigten wir die Echtheit der Übereinstimmung mit unseren heimatlichen schweineren Produkten. Welch Wunder, an solch kulinarischen Genüsse waren unsere Gaumen seit Monaten nicht mehr gewöhnt. Butter, Wurst, Käse u.s.w. waren bekanntlich zu den Zeiten absurde Wunschträume für die Leute vor dem Mast. Sofern man nicht in einer Glücksstunde die Gelegenheit hatte, von diesem Dinge etwas zu – besorgen -, wurde erst der Steuermannsmagen für standfest genug befunden, diese zu verdauen. Doch hier hatte sich auch der Jantjemagen schnell bereit gefunden, delikateres Futter als Hartbrot und Margarine Marke „Feuerschiff III“ der Firma Kienast, bzw. Specht’schen Mannschaftskaffee aufzunehmen. Nach dieser, für uns vordringliche Aufgabe folgte nun die zweckgebundene unserer Gastgeberin. Unsere Seelenrettung wurde in Angriff genommen. Ein englisches Gesangbuch wurde uns in die Hand gedrückt und geduldig mußten wir, von der Hausorgel begleitet, gottgefällige Choräle singen. Zum -abschied erfolgten christliche Ermahnungen, als – good boys – nicht dem Laster zu verfallen. Beladen mit einem Riesenwurstpaket und einem Bündel Traktaten wurden wir dem sündigen Bordleben zurück gegeben. Zusätzlich mußten wir aber das Versprechen abgeben, allabendlich in gleicher Art zur Andachtsstunde zu erscheinen. – To promise – war inzwischen ein geläufiger Begriff zur Bereicherung unseres englischen Wortschatzes geworden. Ob wir drei unserer Retterin als besonders Verdorbene, bzw. für das Laster Anfällige vorgekommen sind, deren Rettung von der schlüpfrigen Bahn in ein sittenreines Dasein ihre Christenpflicht sei, ist mir unbekannt geblieben. Außerhalb dieser Sphäre war unser Kleeblatt sich sofort darüber einig, unbedenklich unser Versprechen zu brechen. Eine solche Bekehrungsart wollten wir nicht ein weiteres Mal über uns ergehen lassen. Mit Halloh wurden wir an Bord von unseren Logisgefährten begrüßt. Auch hier, diese Schmach, galt ihre Freude nicht uns, sondern allein der mitgebrachten – Wurst -. Diese geschätzte, unerwartete Bescherung zu dem frugalen Mannschaftsessen vernichtete jegliches Mitgefühl für die sich aufgeopferten Überbringer der Delikatessen. Wie manches im Leben, so hatte auch die Wurst ein baldiges Ende. Auf diesen billigen Genuß erhob man eine Art Rentenanspruch. Das Egoistenvolk faßte den einstimmigen Beschluß, meine Person erneut für die Beschaffung von Nachlieferungen einzusetzen. Dagegen half kein Sträuben. Mein Einwand, dann aber wieder in alter Stärke aufzukreuzen, drang nicht durch. Man war der Meinung, daß ich es allein schon schaffen würde.

So ging ich dann als Einzelgänger auf die Pilgerfahrt.

Hart hatte ich es zu büßen. Die Enttäuschung über das Ausbleiben meiner Chummys entlud sich gesammelt auf mein demütiges Haupt. Singen konnte ich auch nicht und so verlief der Abend ohne Orgelklang für beide Seiten recht dürftig. Realistisch war meine Wurstbeute auf 1/3 reduziert worden und stand somit im richtigen Bekehrungsverhältnis. Den Ausgleich schaffte die dreifache Mitgabe von erbaulichen Traktaten. Wenig christlich gehandelt, so sinnierte ich auf dem Weg bordwärts. Meine enttäuschten Backsgästen über die karge Jagdbeute gab ich deutlich ihre mangelnde Menschenkenntnis zu verstehen. Anstatt mich als Sologänger abzuordnen, hätte die ganze Crew mich begleiten müssen. Sicher wäre dann unsere Scheuer segensreich gefüllt worden. Obgleich die Wurst für mich allein bestimmt sei, würde ich diese in brüderlicher Barmherzigkeit mit ihnen teilen. Dazu war ja erst vor wenigen Stunden ermahnt worden. Ja, und was wäre wohl ohne mein Großmut erfolgt? Auch ohne sie hätte die Gesellschaft meinen schwererrungenen Besitz bedenkenlos vertilgt. Bestens angewandter Sozialismus. In jenen Zeiten ein nebelhafter Begriff in den Kreisen der christlichen Seefahrt. Für den kommenden Sonntagmorgen hatte die um mich Besorgte mir die Zusage eines weiteren Besuches abgerungen. Zu einem harmlosen Frühstück und anschließendem Spaziergang war ich eingeladen und landete in einer Baptistenkirche. Anscheinend wurde ich dem Kreise der Gemeinde vorgestellt und vermutlich vom Prediger als nächsten Täufling auserkoren. Meine Schutzpatronin verließ mich nun, um ihr Amt als Organistin wahrzunehmen. Einer Flucht vorbeugend flankierte sie mich mit zweiälteren Glaubensgenossinnen. Nach dieser unfreiwilligen Feierstunde gab es für mich kein Halten. Eilig verabschiedete ich mich von den Kirchgängern und von meiner -Wurstmiss -. Dieses mal für immer. Selbst der feurigste Appell, der nun mir wurstlos gewordenen Kameraden brachte es nicht fertig, mich der Gefahr auszusetzen, von dem zielbewußten Mädchen zum bußfertigen Baptisten umgetauft zu werden. Briefe, mit der immergleichen Ermahnung ein guter boy zu sein und beiliegenden Traktaten, liefen mir eine längere Zeit getreu nach. Dann blieben auch diese aus. Die Beurteilung, ob ich nun stets ein – Good boy – gewesen bin, bleibt meiner Umwelt überlassen. Zu unserem allgemeinen Bedauern brachte uns die „Nordsee“ bereits 14 Tage später in den nahegelegenen Hafen von Melbourne. Von hier aus machten Krischan und ich noch ein Mal einen Sonntagsausflug nach dem verloren gegangenen Eldorado. Meine freundlichen Gastgeber besuchten wir begreiflicherweise nicht. Entronnenen Gefahren soll man nicht nachlaufen. Krischan buchte an diesem Tag noch eine arge Enttäuschung. Wenn wir Seeleute in den englisch sprechenden Bewohnerkreis eines Hafens planlos in den Straßen herumschlenderten, boten uns die offenen Versammlungen der Heilsarmee eine interessante Abwechslung. So auch hier in unserem Ausflugsort Geelong. Auch hier führte der Kommandeur mit lautstarker Wortgewalt den zuhörenden Sündern die zu erwartenden Höllenqualen vor Augen, sofern sie nicht seinen Ermahnungen folgten und sofort seiner begnadeten Führung überließen. Als ersten Beweis der Läuterung hielt er eine Spende von irdischen Gütern für notwendig und zweckdienlich. Diese erfolgte dann auch. Von allen Seiten warfen die Verfemten Penny Stücke auf die Riesentrommel. Der Trommler und zugleich der Kassierer des sündigen Mammons war ein Deutscher. Mit diesem Landsmann hatte Krischan ein plötzliches Mitleid. Mit den Worten: „Hier min Jung, hest Du een sixpens förn lütten drink“, warf er einen halben Shilling auf den Opferstock. Vulkanisch brach aber sein Zorn aus, als er sah, daß sein Geld der gut gemeinten geistigen Bestimmung entzogen wurde und zu dem geistlichen Sammelgut wanderte. Nur schwer konnte ich den mißverstandenen Wohltäter besänftigen. Einige Tage später, in Melbourne, gelang es mir aber nicht. Wieder standen wir in der Masse einer Heilsarmeeversammlung. Plötzlich bemerkte Krischan, daß ihm im Gedränge die Taschenuhr gestohlen war. Sein Verdacht richtete sich gegen einen Mann, der neben ihm gestanden hatte und sich schnell entfernte. Krischan hinterher, verprügelte den Kerl und kehrte beruhigt zurück. Weder vor noch nach dieser Selbstjustiz hatte er sich herabgelassen, den Grund des Strafvollzuges dem Delinquenten zu offenbaren. Er muß schon den richtigen Spitzbuben erwischt haben, andernfalls wäre er nicht wortlos enteilt. Auf den Verlust der Uhr wäre es ihm nicht angekommen, sagte er nach meiner Anfrage über deren Verbleib. Allein nur auf eine Abreibung des Gauners habe er es abgesehen gehabt. So war Krischan, unser stärkster Mann an Bord. Achtzehn Jahre alt und trotz der vorgenannten Begebenheiten ein gutmütiger, zuverlässiger Makker. Melbourne im Jahre 1906. Diese Großstadt Australiens stand in einem entschiedenen Gegensatz zu dem bescheidenen stillen Geelong. Auch hier gingen wir fast allabendlich an Land. Gemeinsam mit den promenierenden Einwohnern bummelten wir straßauf-straßab. Besonders hatte es der saturday afternoon in sich. Bereits in jenen Jahren war er eine unantastbare Freizeiteroberung der Arbeitnehmer. In diesen Nachmittagsstunden waren die Straßen übervölkert. Zuweilen besuchten wir die „Mission“. Allerdings kam hier nicht die persönliche Herzlichkeit zum Durchbruch, wie in Geelong. Verständlich, da Melbourne eine große Stadt und unsere „Nordsee“ nicht das alleinige, privilegierte Schiff im Hafen war. Diese Rolle spielten hier zumeist die uniformtragenden und dementsprechenden bewußten Auftreten die Apprentices der englischen Schiffe. Gegen diese illustren Einsatz hatten wir recht ungleiche Chancen. Trotzdem verlebten wir auch hier gesellige Stunden. Am 19. Oktober war der Rest der Stückgutladung gelöscht. Am gleichen Tage versegelten wir nach

Die "Nordsee" verkehrte zwischen den Kontinenten als schnellstes Schiff seiner Zeit

Segelbezeichnung Vollrigger Nordsee
Die „Pitlochry“ hatte Vor- und Großmast, Kreuzbramstenge, Klüverbaum und sämtliche Sturmsegel verloren. Mit viel Glück wurden wir von dem englischen Dampfer „Jumma“ aufgepickt und nach Vergleich der Fahrten zwischen den Kontinenten dt. Vollschiff „Nordsee“ engl. Vollschiff „Britsh Isles“ 1652 BRT Kapitän Ernst Peitsmeier 2287 BRT Kapitän James Platt Barker Tage Tage Ab Sydney 9.11.1906 30.10.1906 Ab Newcastle An Talcahuano 7.12.1906 28 34 3.12.1906 An Valparaiso Ab Talcahuano</td> 14.1.1907 22.12.1906 Ab Valparaiso An Newcastle 14.3.1907 59 96 28.3.1907 An Newcastle Ab Newcastle 20.4.1907 29.4.1907 Ab Newcastle An Caleta Colosa 27.5.1907 37 56 24.6.1907 An Mejillones Ab Caleta Colosa 14.07.1907 An Sydney 24.09.1907 72 Ab Sydney 14.10.1907 An Coquimbo 12.11.1907 29
Hamburger Fremdenblatt Abendausgabe
Dieser Hafen liegt kaum mehr als 50 Seemeilen nördlicher als Caleta Colosa, unserem Bestimmungshafen. Um 19 Tage war somit die „Nordsee“ schneller als die „Britsh Isles“. In ferner Vergangenheit liegen diese Reisen. Kein Segler durchkämpfte mehr diese südlichen Breiten mit ihren schweren Stürmen und hohem Seegang, die so viel Unheil angerichtet haben und ebensowenig schlängelt es sich angenehm durch die Passate. So kennt man auch nicht mehr die Sorgen eines Segelschiffskapitäns, daß ein Rivale auf gleicher Route und gleichen Abfahrtsdaten günstiger abgeschnitten haben könnte als er mit seinem Schiff. In solchem Falle galt dem Lotsen, bzw. dem Schlepperkapitän eine der ersten Auskünfte, die Frage nach dem Verbleib des betreffenden Konkurrenten. Recht freundlich erscheint es, wenn man sich so eindringliche nach dem Ergehen eines Kollegen erkundigt, sofern nicht ein recht hintergründiges Wunschbild hierfür den Anlaß gibt. Wie bei modernen Sportsleuten ging es um die Ehre, den Ruhm und das Ansehen. War man der Sieger, dann wünschte man dem minder Begünstigten eine Heile Ankunft, möglichst mit ein paar weiteren Seetagen. Mit dem ehrenvollen

Abmusterung von der "Nordsee" mit Heimreise nach Hause

Am 17. Dezember 1907 liefen wir aus. Beide Passaten und im allgemeinen gutes Wetter sorgte für eine zufriedene Stimmung, vielfach erheitert durch das Kapitänstöchterlein. Aus dem Tönninger Baby war eine seefeste, auf kräftigen Beinen stehende Erna geworden. der beliebte Schützling im Vorschiff. Der Segelmacher hatte ihr aus leichtem Segeltuch eine Knabenhose genäht. Nur mit dieser und einem Hemd bekleidet, lief sie barfüßig auf dem Deck umher. Die Hände in den Taschen, uns Jantjes nachgeahmt, eine übergroße Offiziersmütze in den Nacken geschoben und zuweilen eine leere Tabackspfeife im Mund, folgte sie dem Ersten bei dem von Janmaat so geliebten abendlichen Stritschen und wiederholte jeden gegebenen Befehl. Vergaß er mehr oder minder bewußt ein Fall der eine Brasse, dann konnten wir sicher sein, daß der kleine Antreiber mit ihrer Kinderstimme – Dienstzeugnis Ernst Voß
Dienstzeugnis Ernst Voß
Neben uns stand unser Advokat und sorgte dafür, daß von jeder Abrechnung die vereinbarten 10% in seine Tasche wanderten. Es war schon ein gutes Geschäft für den smarten Amerikaner. Ich erhielt vier 20 Dollargeldstücke als Restbetrag für die gesamte Bordzeit und stand nun als freier Mann in Gods own Country. Kaum war die Abmusterung beendigt, erschien der telegrafisch benachrichtige Kapitän. Zu spät kam sein Protest und ebenso ein Telegramm aus Washington, die Abmusterung zu stoppen. Welcher Kampf sich hinter den Kulissen per Draht zwischen dem Hamburger Reeder, Portland und Washington abgespielt hat, blieb uns verborgen. An einer gewissen Einigkeit fehlte es sicher nicht, der wir am Ende noch unterlegen wären. In späteren Jahren sagte Kapitän Peitsmeier meinem Freund Ernst Voß und auch mir, auf Anweisung der Reederei hätte er unsere Forderungen ablehnen müssen.

Das Schiff ging mit einer neuen, unzuverlässigen Mannschaft nach Peru in See.

Wohl oder Übel erhielten diese Leute die uns verweigerten 25 Dollar als Monatsheuer. Bereits im ersten Hafen verließ eine größere Anzahl das Schiff. Erneut mußte eine Ersatzmannschaft angemustert werden. Mit dieser segelte die „Nordsee“ zu einer peruanischen Insel, wurde dort mit