Spruch des Seeamts zu Danzig vom 6. Mai 1893, betreffend den Seeunfall der Bark „Anna“ von Rostock. Der Spruch des Seeamts lautet:
Die seeamtliche Untersuchung hat keinen Anhalt zur Entscheidung der Frage gegeben, wodurch der am 3. December 1892 erfolgte Untergang der Bark „Anna“, Schiffer Peters, verursacht ist.
Am Sonntag, den 4. December 1892, wurden auf der Spitze von Hela von den Fischern Carl Hallmann und Carl Zuch folgende angetriebene Schiffstrümmer bemerkt:
ein Kopf aus Holz, anscheinend von einem Fallreepeinschnitt, welcher auf der einen Seite einen Pferdekopf mit einem Horn, auf der andern Seite einen Blumenstrauß mit 4 Rosen und darunter über Kreuz 2 aufgehißte Flaggen in Schnitzerei zeigte, aus Teak- oder Cedernholz gearbeitet und oben mit Messing beschlagen war. Auch befand sich bei diesen Trümmern ein Stück Brot und eine Korkweste ohne Seitenbänder. Brandstellen waren an den Trümmern nicht zu bemerken. An demselben Tage trieb am Wieckstrande einige Kilometer NW von Hela eine Leiche an, welche als diejenige des Matrosen Strauß aus Naumburg a./S. von Bord der Rostocker Bark „Anna“ ermittelt und demnächst als solche von dem herbeigerufenen Vater des Genannten erkannt wurde. Die Leiche trug eine Korkweste, welche sorgfältig angelegt und mit den Seitenbändern befestigt war.
Demnächst wurden noch folgende, sämmtlich in gleicher Weise mit Korkwesten bekleidete Leichen angetrieben gefunden:
Diese Funde, welche den Untergang der Bark „Anna“ zur Gewißheit machten, veranlaßten sorgfältige Nachforschungen nach anderweiten Schiffstrümmern; indeß wurde weiter nichts gefunden. Durch die herangezogenen Schiffsacten, die Vernehmung des Correspondentrheders Heinrich Haaß zu Wustrow, die von diesem eingelieferten Briefe des verstorbenen Schiffers Peters und die Vernehmung des Schiffszimmermanns Barmann zu Wismar ist festgestellt:
Zuletzt gesehen ist die „Anna“ von der Besatzung des Danziger Schiffes „Königin Elisabeth Louise“. Schiffer Mazur, der mit diesem Schiff am 24. November 1892 von Sunderland ausgelaufen ist, um gleichfalls eine Kohlenladung nach Neufahrwasser zu bringen, hat die „Anna“ am 1. December 1892 mittags auf der Höhe von Falsterbo getroffen, und ist fast Seite an Seite mit ihr bis zum 2. December 1892 abends zwischen 7 und 8 Uhr gesegelt. Um diese Zeit hat er sie bei Rixhöft aus Sicht verloren, weil er wegen des größern Tiefganges seines Schiffes sich weiter entfernt vom Lande hat halten müssen. Bei Rixhöft hat damals in Folge starken Windes aus Nord eine mächtige See gestanden. Beide Schiffe sind dann wieder zusammengetroffen, als sie, die Spitze von Hela passirend, in die Danziger Bucht und damit in ruhiges Wasser gelangt sind. Schiffer Mazur hat am Morgen des 3. December 1892 um 3 Uhr 30 Minuten, als er Hela Feuer NW peilte in ½ Seemeile Entfernung, sich der „Anna“ auf ein bis zwei Kabellängen genähert und bei dem hellen Mondschein constatiren können, daß nichts auffälliges an Bord der „Anna“ zu bemerken gewesen ist.
Die „Anna“ hat mit kleinen Segeln ostwärts gelegen, dann aber gewendet und westlichen Curs verfolgt. Die „Königin Elisabeth Louise“ hat erheblich mehr Segel geführt und deshalb die „Anna“ hinter sich gelassen, so daß diese etwa um 4 Uhr aus Sicht gekommen ist. Um 5 Uhr 30 Minuten hat die „Königin Elisabeth Louise“ in der Gegend von Oxhöft gewendet, und ist demnächst dem Schiffer Mazur aufgefallen, daß er die „Anna“, welche er nach seiner Schätzung 5 bis 6 Seemeilen hinter sich gelassen hat, auf dem neuen Curse nicht mehr passirt hat. Die Nacht ist damals infolge Mondscheins fast tageshell gewesen und nicht durch Schneefall, Wolken oder anderweit verdunkelt. In der Bucht hat Schiffer Mazur mehrere Dampfer bemerkt, theils unter Dampf, theils zu Anker liegend. Auch hat er eine Erinnerung, als wenn er zwischen 4 Uhr 30 Minuten und 5 Uhr in der Richtung, in welcher die „Anna“ damals sein mußte, für einen Augenblick ein helles Licht gesehen habe, so daß ihm der Gedanke gekommen ist, die „Anna“ signalisire schon nach einem Lootsen. Die Namen derjenigen Dampfer, welche in der Nacht vom 2. zum 3. December 1892 unter Hela Schutz gesucht haben, sind nicht zu ermitteln gewesen. Von den 8 Dampfern, welche im Laufe des 3. December 1892 in Neufahrwasser eingelaufen sind, hat keiner auch nur die geringste Beschädigung gezeigt. Bei den geringen Anhaltspunkten, welche das vorliegende thatsächliche Material bietet, ist die Frage nach der Ursache des Unterganges der „Anna“ nicht mit Sicherheit zu entscheiden.
Man ist in dieser Beziehung auf Muthmasungen beschränkt. Daß der Unfall durch Ueberschießen der Ladung verursacht wäre, ist ausgeschlossen, weil die „Anna“, als sie vom Schiffer Mazur zuletzt gesehen wurde, bereits ruhiges Wasser erreicht hatte. Der Untergang durch Explosion ist möglich, und dafür scheint der plötzliche helle Lichtschein zu sprechen, den Schiffer Mazur gesehen zu haben glaubt. Dagegen aber spricht, daß die Grimsby Kohlen nicht leicht explodiren, daß eine Explosion eher das Deck hebt, als die Außenhaut des Schiffes zertrümmert, und daß die Besatzung bei einer Explosion schwerlich die Zeit gefunden haben würde, die Korkwesten mit Sorgfalt anzulegen.
Wenn Schiffer Mazur annimmt, daß die „Anna“ in der schweren See bei Rixhöft leck gesprungen, dies von der Besatzung nicht gemerkt, und die „Anna“ dann im ruhigen Wasser plötzlich weggesackt sei, so steht dem entgegen, daß diese Annahme eine übermäßige Sorglosigkeit und Unachtsamkeit des Schiffers und der Mannschaft voraussetzt, und daß die Zersplitterung der angetriebenen Schiffstrümmer, welche mit der höchsten Wahrscheinlichkeit als von der „Anna“ herrührend anzusehen sind, dabei keine genügende Erklärung findet. Diese Zersplitterung, das kurze Zeit aufflammende helle Feuer und die sorgfältige Anlegung der Korkwesten seitens der Besatzung würden ihre vollständige Erklärung finden bei der Annahme einer Collision. Gegen eine solche aber spricht der Umstand, daß es tageshell gewesen ist, daß das collidirende Schiff die Unglücksstelle verlassen haben müßte, ohne sich um das Schicksal der Besatzung der „Anna“ zu kümmern, und daß über die Beschädigung irgend eines andern Schiffes in der fraglichen Nacht nichts bekannt geworden ist. Unter diesen Umständen kann der Spruch des Seeamts nur dahin lauten, daß die Ursachen des Unterganges der „Anna“ nicht zu ermitteln gewesen sind.