Eine Zeit lang hieß es immer: Was ist das bloß für ein großes, graues Gebäude am Ortseingang – solch ein Schandfleck. So hat es lange nach 1990 ausgesehen, bis es dann saniert wurde. Dieses Gebäude ist der Rest der Seefahrtschule Wustrow, deren Grundstein an dieser Stelle vor über 150 Jahren gelegt wurde.
Die Region Fischland hatte sich ab zirka 1800 zu einem Seefahrtszentrum in Mecklenburg entwickelt. Daraus wuchs auch der Bedarf an vielen, möglichst gut ausgebildeten Schiffern und Offizieren. Dafür bedurfte es ein Schiffer-Examen. Aus dieser Notwendigkeit entstand der Plan, eine solche Schule zu gründen. Die Voraussetzungen waren in Wustrow vorhanden, sodass es für den Landesvater, den Großherzog von Mecklenburg – Schwerin, keine sehr schwere Entscheidung war, die notwendigen Mittel dafür bereitzustellen.
Die Schule wurde 1846 eingeweiht und der Lehrbetrieb begann. Noch waren die ersten Einrichtungen und das Gebäude recht bescheiden ausgestattet. Aber eines muß man den berufenen Direktoren und Lehrern der Schule seit dieser Zeit immer wieder bescheinigen, sie realisierten eine Ausbildung, die sich stets an den neuesten fachlichen Erkenntnissen orientierte.
In den Jahren 1916 und 1934 – 1935 wurde die Schule durch Umbauten erweitert, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. 1945 musste der Lehrbetrieb eingestellt werden. Die Zahlen sprechen für die effektive Arbeit dieser Schule, denn seit der Gründung bis zum Zeitpunkt der Schließung betrug die Anzahl an Absolventen knapp 3500.
1949 wurde die Ausbildung wieder aufgenommen – mit Lehrgängen für „Kleine Patente“, da zu dieser Zeit erst einmal die deutschen Seeschifffahrtsflotte wieder aufgebaut werden musste.
In der Folgezeit wurde die Ausbildung schrittweise auf alle Fachgebiete und Stufen erweitert – Nautischer Offizier und Kapitän für die Handelsflotte, die Fischerei, die technische Flotte sowie Funkoffizier und Technischer Offizier. Eine Verlagerung der Ausbildung zum Technischen Offizier nach Warnemünde fand ab 1954 statt.
1952 – 54 wurde die erste bauliche Erweiterung der Schule nach dem Krieg durchgeführt. Ein Internats- und Wirtschaftsgebäude wurde errichtet. (Bild: Blick von Süden zum Haupteingang des Internates)
In der Zeit von 1959 -1964 wurden der 2. und 3. Bauabschnitt realisiert. Es entstanden dabei weitere Lehrkabinette, die Aula, die Bibliothek u.v.m. 1969 verschmolz die Seefahrtschule Wustrow mit der Ingenieurschule Warnemünde zur Ingenieurhochschule Warnemünde / Wustrow.
Am 01.09.1972 wurde der Bildungseinrichtung die Anerkennung als Technische Hochschule „Hochschule für Seefahrt Warnemünde / Wustrow“ zuerkannt und damit auch das Promotionsrecht.
Einst schmückte die Seefahrtschule ein wunderschönes Wandbild in der Mensa, welches direkt über der Essensausgabe auf den Putz gemalt wurde. Dieses Bild stammte von der Künstlerin Hedwig Holtz-Sommer als Maritimes Erbe angebracht. Leider wurde es nicht erhalten.
Auf dem linken Bild ist der Lageplan mit allen Gebäuden bis zum Jahre 1992 dargestellt. Etwa 500 Studenten fasste die Schule. Zum Vergleich hatte Wustrow im Durchschnitt zirka 1500 Einwohner.
geb. 1837 - gest. 1916 Schiffer / Ritter vom Greifen-Orden Großherzogtum Mecklenburg / Schwerin von 1899 - 1911
geb. 1866 - gest. 1946 Schiffer
geb. 1866 - gest. 1984 Dipl.-Ingenieur für Maschinenbau von 1931 - 1947
geb. 1821 - gest. 1880 Offizier der Preußischen Marine von 1846 - 1880
geb. 1833 - gest. 1904 Kaiserlicher Regierungsrat von 1881 - 1899
nur 1950
nur 1952
von 1953 - 1966
geb. 1918 - gest. 1979 Lehrer von 1948 - 1949
geb. 1912 - gest. 1989 Kapitän auf Großer Fahrt von 1949 - 1950
von 1972 - 1989
von 1990 - 1991
Rektor der Universität Rostock, zu der die Hochschule für Seefahrt zugeordnet wurde
Kapitän auf Großer Fahrt von 1966 - 1969
Gründungsrektor von 1969 - 1972
So hat sich ab 1989 / 90 ein Konkurrenzkampf zwischen den Seefahrtschulen im Norden entwickelt. Die weltweit anerkannte Reputation dieser historischen, doch „provinziellen“ Bildungsstätte, konnte letztlich, auch aufgrund mangelnden Traditionsbewusstseins der Regierungsvertreter Mecklenburg-Vorpommerns, einen beschleunigten Niedergang der Seefahrtschule nicht verhindern.
Als Bestandteil der Fachhochschule Wismar begann die neue Zeit. Am 01.10.1992 wurde der Lehrbetrieb in Wustrow endgültig eingestellt, fand jedoch in Warnemünde nahtlos seine Fortsetzung.
In der Zeit von 1949 bis zum Ende des Standortes Wustrow wurden fast 5000 Patentträger ausgebildet.
Nach Beendigung der Lehrtätigkeit wurden wesentliche Teile dieser Immobilie zurückgebaut, bis der im obigen Bild dargestellte Zustand erreicht wurde. Verschiedene Versuche für eine weitere, sinnvolle Nutzung der Gebäude waren leider nicht erfolgreich.
Die Fakten und Bilder zu diesem Artikel wurden aus den Gedenkschriften zur 110. bzw. 150. Jahrfeier des Bestehens der Seefahrtschule sowie zur 20. Jahrfeier der Bildungsstätte für sozialistische Schiffsoffiziere entnommen.